Als Herausgeber der Anthologie Der alljährliche Wahnsinn präsentiert Werner Irro dem Leser das Weihnachtsfest einmal nicht in der gewohnt besinnlichen Weise, denn in dem Buch möchte beispielsweise ein Ehepaar seinen heiratswilligen Töchtern zur Bescherung jeweils einen Mann schenken, oder ein Revolutionär beabsichtigt den Bart des Nikolaus anzuzünden. In einer Familie wird zum Fest nicht nur auf Geschenke verzichtet, sondern sogar auf den Weihnachtsbaum, weil der Vater in allem eine Gefahr wittert. Überhaupt ist die Abschaffung des Festes häufig ein Thema, wobei ein Mann seiner Frau vorrechnet, wie viel eingespart werden könnte, wenn das Fest wie ein Geburtstag einfach um ein paar Tage verschoben würde. Für ein Ehepaar besteht die Bescherung in einem Wohnungsbrand und ein anderes Paar reagiert mit Bestürzung, als sie hören, was der gemietete Weihnachtsmann den Kindern erzählt. Ein Enkel wird kurzerhand vor dem Fest von seiner Oma enterbt, Weihnachtsplätzchen misslingen, und in einem modernen Weihnachtsmärchen führt Gretel ihren Hänsel mittels GPS nach Hause.

Werner Irro hat für sein Buch Der alljährliche Wahnsinn als Untertitel „Die besten Satiren zum Weihnachtsfest“ gewählt, und die Umsetzung ist ihm auch voll gelungen. Es wechseln sich Kurzgeschichten mit Gedichten und Theaterstücken ab und kurze, aber tiefsinnige Sprüche haben es in sich. Meistens geht es in den Texten zum Weihnachtsfest chaotisch zu, einige haben ein unerwartetes Ende, manchmal spielt der Weihnachtsmann anderen einen Streich oder auch umgekehrt. Während bei Gerhard Polt die bayrische Mundart dominiert, heißt es bei Erich Kästner noch, dass Valeska bäckt und vor den Fenstern werden die Rouleaus heruntergelassen. Hans Scheibner bringt dem Leser das Weihnachtsfest mit bitter-böser Zunge näher und von Ephraim Kishon gibt es nachdenklich Stimmendes zu lesen.

Natürlich ranken sich auch einige Texte um die Kriegszeit, wie die Geschichte von Heinrich Böll, die mit Tante Milla schon fast Kultcharakter hat. Aber auch Kurt Tucholsky blickt auf deutsche Trümmer, während er Weihnachtslieder singt, und Erich Kästner möchte nicht nur mit Industriellen und Regierenden abrechnen, sondern bittet den Weihnachtsmann auch darum, ihn von der Plage Hitler zu erlösen. An das erste Weihnachtsfest nach dem Krieg erinnert Dieter Hildebrandt und weiß zu berichten, dass eine alte Tür den fehlenden Tisch ersetzt hat und welcher Erfindungsreichtum schließlich doch noch die obligatorischen schlesischen Mohnklöße auf die Tür – nein, den Tisch – gebracht hat. Da sich Der alljährliche Wahnsinn für die meisten Familien bald wieder jährt, kann es nicht schaden, sich dieses geistreich-witzige Buch zu Gemüte zu führen, um auf diese Weise vielleicht nicht vollends dem Wahnsinn zu verfallen.

Werner Irro (Hrsg.), Der alljährliche Wahnsinn, Ellert & Richter Verlag 2014, Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-8319-0534-8, Preis: 14,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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