„Das geht nicht!“, ist ein Ausspruch, den Wolfgang Kulow noch nie gelten ließ, denn er wollte in seinem Leben stets Das Unvorstellbare wagen. In seiner Autobiografie, die er in Zusammenarbeit mit Iris Hadbawnik geschrieben hat, bekennt der an der Ostsee aufgewachsene Extremsportler freimütig, dass er sich immer nur wirklich frei im Wasser, in der Wüste oder in den Armen einer schönen Frau gefühlt hat. Schon als junger Mann sucht er die Herausforderung und übernimmt nach Feierabend gefährliche Arbeiten am Rumpf der Fischerboote.

Obwohl er seine junge Frau und sein Kind dadurch vernachlässigt, beginnt er mit dem Training für einen Triathlon, dem diverse Ultra-Triathlons folgen. Er nimmt am Race Across America teil, bei dem zunächst 4800 km mit dem Rad und anschließend 420 km laufend zurückgelegt werden müssen. Ob dabei nun fünfzigtausend Höhenmeter, oder wegen dauernd veränderter Streckenverläufe „nur“ vierzigtausend bewältigt werden müssen, dürfte wohl kaum noch eine Rolle spielen, da die Anforderungen ohnehin enorm sind.

Auf der Suche nach einer weiteren Herausforderung entdeckt Wolfgang Kulow die Wüste für sich und nimmt am „Marathon des Sables“ in der Sahara teil. Er berichtet von den logistischen Problemen, da der Rucksack Proviant und Schlafsack fassen muss. Spätestens an dieser Stelle fragt sich der Leser, wie ein Mensch sich freiwillig in diese Hölle begeben kann: An sieben Tagen 220 km bei rund 50° und streng rationiertem Wasser durch die Wüste marschieren.

Seine zweite Ehe zerbricht, aber nicht sein Tatendrang. Wolfgang Kulow kann den Gedanken an eine Durchquerung der Ostsee nicht abschütteln. Schließlich schwimmt er als erster Mensch von Dänemark nach Deutschland und umschwimmt ein Jahr später auch Fehmarn, wobei er Müdigkeit, niedrigen Wassertemperaturen und gefährlichen Strömungen trotzt. Er lässt sich auch noch später zu einer Strecke überreden, die vielen ehemaligen DDR-Flüchtlingen zum Verhängnis wurde. Natürlich hat er auch danach noch nicht genug und „muss“ auch noch schwimmend um das Nordkap.

Erneut zieht es Wolfang Kulow in die Wüste, dieses Mal in die Taklamakan in China, wo er knapp 500 km entlang der legendären Seidenstraße zurücklegt. Allein die Vorbereitungen zu diesem Unternehmen lesen sich spannend. Als Extremsportler verzeichnet er immer neue Weltrekorde, doch sein Egoismus, wie er selbst bekennt, hat auch die Trennung von seiner zweiten Frau zur Folge. In seiner Einsamkeit ersinnt er einen neuen Plan, die Konstruktion eines speziell für den Unterwasserbetrieb vorgesehenen Fahrrades einschließlich einer Lösung für die kleine Notdurft unter Wasser. Doch bevor er auch in dieser Disziplin einen weiteren Weltrekord aufstellen kann, muss er mit allerlei schmerzhaften Widrigkeiten fertig werden.

Auf der Suche nach einer weiteren, lebensfeindlichen Region erinnert er sich an seine Kindheit. Da war von Sibirien die Rede, wo unzählige Soldaten im Zweiten Weltkrieg den Tod fanden. Nach langer Planung begibt er sich auf eine in vielerlei Hinsicht gefährliche Reise zum Beikalsee, der jedes Jahr vielen Menschen zum Verhängnis wird: Der Tod lauert auf teilweise dünnem Eis, in Eisspalten oder nicht zu überwindendem Packeis.

Man muss selbst kein Sportler sein, um das Buch mit Spannung zu lesen, das zudem noch zahlreiche, teils doppelseitige, grandiose und beeindruckende Farbfotos aufweist. Wolfgang Kulow präsentiert uns damit eine Welt, die für die meisten fernab jeglicher Vorstellungskraft liegt. Er plaudert quasi aus dem Nähkästchen, wenn er in Mexiko verkraften musste, dass seine hochwertige Sportnahrung von Ratten zerstört wurde oder wenn ihm Kamera, Geld und Papiere geraubt wurden. Ganz freimütig lüftet er so pikante Details wie die Unterwäsche seiner neuen Freundin und spricht ohne Scham die Probleme mit seiner Männlichkeit beim Radfahren an. Wer wissen will, welchen Ort er sich für seine dritte Eheschließung ersonnen hat, muss selbst Das Unvorstellbare wagen. Nein, nicht in der Realität, nur auf dem Sofa mit diesem Buch in der Hand!

Wolfgang Kulow, Das Unvorstellbare wagen, Verlag Die Werkstatt 2016, Broschur, 220 Seiten, ISBN 978-3-7307-0261-1, Preis: 19,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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