Auf einem Waldspaziergang entdeckt Bernhardt voller Erstaunen ein ungewöhnlich dickes Seil, das kaum einem Bewohner seines Dorfes gehören kann. Am nächsten Morgen sieht er, dass acht Bauern am Waldrand auf Das Seil starren und weitere gesellen sich dazu. Da das Seil bei einer ersten Inspizierung kein Ende hat, was allen unmöglich erscheint, beschließen Bernhardt, Michael und Ulrich dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Die Dorfbewohner warten über zwei Stunden ungeduldig auf ihre Rückkehr, als die Männer mit einem schwer verletzten und ohnmächtigen Ulrich auftauchen, der von einem Eber angegriffen wurde. Bernhardts Frau soll sich des Verletzten annehmen, während die Dorfbewohner endlich Klarheit verlangen. Mit Pfeil und Bogen bewaffnet brechen die Männer auf. Lediglich Bauer Johannes lassen sie zum Schutz der Frauen und Kinder zurück.

Die Männer, die eigentlich am selben Abend zurückkehren wollten, um die Ernte einzubringen, können sich jedoch an keiner Stelle zum Aufgeben entschließen und folgen weiter dem Seil. Bernhardt plagen die Sorgen um seine Frau und sein Baby und nach einer Abstimmung machen nur er und Alfred sich auf den Rückweg. Allerdings kalkulieren die beiden nicht einen Zwischenfall ein, der ihre Heimkehr aussichtslos werden lässt. Die Bauern, die sich zur weiteren Suche entschlossen haben, sprechen sich gegenseitig Mut zu und reden sich ein, dass Bernhardt und Alfred sicher schon im Dorf sind und die Frauen beruhigen. Obwohl ihre Vorräte längst aufgebraucht sind, gehen sie weiter und erreichen schließlich ein verlassenes Dorf. Von ihrer Besessenheit angetrieben, setzen sie ihren Weg nach der Plünderung der Häuser mit schweren Kiepen beladen fort und werden nun auch noch von Wölfen verfolgt. Außerdem zieht ein Unwetter auf, was nicht nur den Männern Sorgen bereitet, sondern auch den daheim gebliebenen Frauen, die um die Ernte fürchten.

Stefan aus dem Siepen hat in dem Roman Das Seil auf eine Ortsangabe verzichtet. Der Leser erfährt lediglich, dass es sich um ein kleines Dorf ohne einen Vorsteher handelt und dass es im Wald sowohl gefährliche Wildschweine, als auch Wolfsrudel gibt. Für die Handlung ist ebenfalls die Zeit völlig belanglos. Denn jedem Leser wird schnell klar, dass der Autor Das Seil als Metapher für die Suche vieler Menschen nach einem Ziel im Leben verwandt hat. Die Dorfbewohner, die eigentlich ein ruhiges und zufriedenes Leben geführt haben, jagen plötzlich einer völlig belanglosen Nebensache hinterher. Wo vorher das Leben in geordneten Bahnen verlief, ist an diese Stelle durch eine kleine Veränderung eine Ruhelosigkeit und Gier getreten, der niemand mehr, gleich einem Sog, zu entrinnen vermag.

Mit dem Roman Das Seil zwingt Stefan aus dem Siepen den Leser zum Nachdenken, der sich gut in die Situation der Bauern hineinversetzen kann, die immer noch ein Stückchen weitergehen wollen, weil sicher gleich das Ende des Seils in Sicht ist. Schließlich möchten sie nicht als „Trottel“ heimkehren und da sie nun schon einmal so weit gegangen sind, macht es bestimmt nichts aus, noch ein Stückchen weiter zu gehen. Obwohl sie sich um ihre Frauen sorgen, ist nachzuvollziehen, dass sie, durch ihre Verblendung angetrieben, nicht umkehren wollen. Das der gesamten Dorfbevölkerung damit vorherbestimmte Schicksal lässt den Leser das Buch betroffen zuklappen und vielleicht wird sich manch einer nach der Lektüre darüber im Klaren, in welcher Mühle er gefangen ist, wenn er immer noch mehr und mehr will. Ein ungewöhnlicher Roman, der lange nachhallt.

Stefan aus dem Siepen, Das Seil, Deutscher Taschenbuch Verlag 2014, Taschenbuch, 176 Seiten, ISBN 978-3-423-14345-5, Preis: 9,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

1 Kommentar

  1. Da hast du recht. Es bleibt zu hoffen, dass sich manch einer an die eigene Nase packt. 🙂

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