In dem Kriminalroman Das fremde Kind von Olle Lönnaeus haben die Kriminalinspektorin Eva Ström und Kommissar Björn Bernhardsson die Morde an dem alten Ehepaar Signe und Herman Jönsson aufzuklären. Beide sind durch einen Genickschuss getötet worden. Für die ermittelnden Beamten könnten der leibliche Sohn Klas oder auch der Adoptivsohn Konrad ein Motiv gehabt haben, denn es geht immerhin um ein Erbe von 12 Millionen. Der 45-jährige Konrad hat seine Pflegeeltern vor 13 Jahren das letzte Mal gesehen und ist mit 17 Jahren von zu Hause ausgezogen. An seine leibliche Mutter kann er sich nur vage erinnern, man hat sie Polackenhure gerufen und er erinnert sich an eine eintätowierte Nummer auf ihrem Arm. Ihn plagen Schuldgefühle um einen Berufskollegen, der in Bagdad als Geisel erschossen wurde, sowie wegen seiner mittlerweile 20-jährigen Tochter, die er vernachlässigt zu haben glaubt und auch wegen seines früheren Freundes Sven, der wie er ein Außenseiter war. Konrad verliebt sich in Gertrud, die Schwester von Sven, die ihm ebenfalls wie der ortsansässige Journalist, Örjan Palander, zur Seite steht.

In dem kleinen südschwedischen Ort Tomelilla treten die ermittelnden Beamten noch immer auf der Stelle, was die ersten beiden Morde anbelangt, da wird schon ein weiteres Verbrechen verübt. Zwei junge Einbrecher werden von dem Neonazi Tore Torstensson erschossen. Konrad und Örjan Palander reden mit Tore, nachdem dieser wegen erwiesener Notwehr wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Hat Tore die Mutter von Konrad gekannt? Und stehen die beiden Fälle in einem Zusammenhang? Könnten die Einbrecher zuvor das alte Ehepaar umgebracht haben? Oder doch der Sohn, Klas, der als gefährlich gilt? Erst Sven, der aufgrund seiner Homo- und Bisexualität viel über den Nationalsozialismus, der ja Minderheiten wie ihn diskriminiert und ermordet hat, in Erfahrung bringt, findet den Schlüssel zu beiden Verbrechen in einer bis dahin unscheinbaren Person. Doch zu dem Zeitpunkt ist Konrad mit Gertrud schon an dem Ort, wo alle Fäden zusammenkommen und es wird verdammt gefährlich für die beiden!

Olle Lönnaeus hat es in Das fremde Kind nicht nötig, mit Action aufzufahren. Es gibt weder rasante Verfolgungsjagden noch blutrünstige Details zu den verübten Morden. Stattdessen versteht er es, den Spannungsbogen geschickt immer weiter zu spannen. Erst auf den allerletzten Seiten verdichtet sich plötzlich alles und scheinbar verschiedene Handlungsstränge verbinden sich zu einem Ganzen. Wie es sich für einen schwedischen Krimi gehört, spart Lönnaeus nicht mit Sozialkritik. So schreibt er, dass viele Schweden Hitler verteidigt und sich die Überlebenden hinter dem schwedischen Sozialstaat versteckt haben. Er zitiert Mark Twain und entlarvt jede Statistik als Lüge und er schreibt über die 68er Revolution, die in Prag Menschenleben und Träume ausgelöscht hat. Und zum glücklichen Wohlfahrtsstaat des eigenen Landes sagt er, dass alle nur vom alten Sozialstaat träumen, vom guten alten schwedischen Volksheim, „in dem alle die gleiche Fleischwurst aßen und alles Friede, Freude Eierkuchen war“. Zumindest mit der Sozialkritik fühlt man sich da an die guten alten Klassiker von Sjöwall / Wahlöö erinnert. Klasse!

Olle Lönnaeus, Das fremde Kind, Rowohlt Polaris Verlag 2011, Hardcover, 464 Seiten, ISBN 978-3-86252-009-1, Preis: 14,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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