„Für alle, die mehr Leichtigkeit in ihrem Leben brauchen“, hat Ellen Berg ihr Buch Das bisschen Kuchen geschrieben. Wobei es sich, wie schon das Cover vermuten lässt, um einen nicht ganz ernst gemeinten Diät-Roman handelt.

Zu ihrem fünfundzwanzigsten Hochzeitstag will die stark übergewichtige Annika Michels, kurz Niki genannt, sich ein schönes Kleid kaufen. Ihr Mann Walter hat ihr dafür seine Kreditkarte in die Hand gedrückt, aber in der eleganten Boutique gibt es keine Designermode in Übergrößen. Sie ist den Tränen nahe, denn sie befürchtet, dass sie wieder einmal nur in der Abteilung für Umstandsmoden im Kaufhaus fündig wird. Was war nur mit ihr passiert, fragt sich Niki, sie fühlt sich wie Moby Dick im Trockendock. Doch wenigstens ihr Wolfgang liebt sie, so wie sie ist, und so tröstet sie sich zunächst in einem Café mit Cappuccinotorte, einem Stück Käsesahne, zwei Mandelhörnchen sowie einem großen Latte Macchiato. Als sie sich in das Kaufhaus begeben will, entdeckt sie ihren Wolfgang auf der gegenüberliegenden Seite, wie er eine junge Frau küsst, die sich eng an ihn presst.

Mit Tränen überströmt kommt sie, wie durch ein Wunder, unfallfrei zuhause an und in ihrer Verzweiflung gelangt sie zu der Erkenntnis: Wenn sie ihre Ehe retten will, muss sie abnehmen. Im Internet findet sie die Webseite der Kurklinik Vitalis am Züricher See, in der ein Tag so viel kostet, wie eine Woche Pauschalurlaub. Kurz entschlossen packt sie ihre Koffer, um nach Zürich zu fliegen. Mit Wolfgangs Kreditkarte bucht sie einen Flug erster Klasse und einen vierwöchigen Aufenthalt in der Luxusklinik. Gleich am Flughafen macht sie die Bekanntschaft von Walburga, die auch auf dem Weg in die Klinik Vitalis ist und sie nötigt, mit ihr ein Taxi zu teilen. Walburga ist eine Dauerkundin in der Kurklinik und ihre lockeren Sprüche gehen Niki gewaltig auf die Nerven, denn sie ahnt noch nicht, dass der Kuraufenthalt ihr Leben komplett verändern wird.

In ihrem Roman Das bisschen Kuchen bedient Ellen Berg wirklich alle Klischees, denn auch eine übergewichtige Frau muss ihre XXL-Kleider nicht in der Abteilung für Umstandsmoden kaufen. Hinzu kommt, dass die Protagonistin einen zwar durchtrainierten, aber dafür cholerischen Mann hat, der sie mit einer Jüngeren betrügt, die Kleidergröße 34 trägt. Die dicke Puffmutter Walburga, die zwar eine raue Schale hat, aber im Grunde herzensgut ist und im Trainingsanzug mit einer Plastiktüte verreist, bedient ein weiteres Klischee. Wie auch das spartanische Essen, dass man wohl nicht als Diät, sondern eher als Mangelernährung bezeichnen kann. Überhaupt scheint es den glücklichen Dicken viel besser zu gehen, als den etwas verhärmt wirkenden Normalgewichtigen. Der Roman ist eine Persiflage auf die Esssucht durch Frust, den Abnehmwahn in unserer Gesellschaft und den damit verbundenen Diätkuren verschiedener Kliniken, die daran kräftig verdienen. Selbst die Shiatsu-Massage, deren Wirkung über einen Placeboeffekt hinaus nicht nachweisbar ist, wird von Ellen Berg kurzerhand zu einer Tantra-Massage abgewandelt, die den weiblichen Kurgästen den einen oder anderen Orgasmus verschafft. Der flüssig geschriebene und unterhaltsame Roman Das bisschen Kuchen ist einfach zum Schlapplachen, er strapaziert die Lachmuskeln und ist sicherlich auch während eines Kuraufenthalts ein Lesevergnügen.

Ellen Berg, Das bisschen Kuchen, Aufbau Verlag 2012, Taschenbuch, 285 Seiten, ISBN 978-3-7466-2827-1, Preis: 9,99 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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