
Die Grundlage eines explosiven Sachbuchs
Für ihre Recherchen zu ihrem Sachbuch Außer Kontrolle war Kjersti Kvam auf die Unterstützung von Ulf André Andersen, Niklas Kokkinn-Thoresen und Lars Gautneb angewiesen – jenes Journalistentrio des Boulevardmagazins SE og HØR, das zwischen August 2024 und August 2025 maßgeblich an den Enthüllungen rund um Marius Borg Høiby beteiligt war. Aus ihren Berichten und weiteren Recherchen formte Kvam ihr Buch.
Ein Tonband, ein Schockmoment und die ersten Fragen
Eines Nachts erhielt Ulf einen Anruf, in dem ihm eine Tonaufnahme vorgespielt wurde: eine Morddrohung, die Marius gegenüber seiner Freundin geäußert haben soll. Die Journalisten wollten zunächst mehr über das Leben des jungen Mannes erfahren, dessen Alltag sich nach der Hochzeit seiner Mutter Mette-Marit mit Kronprinz Haakon im Jahr 2001 grundlegend verändert hatte. Als Marius in seiner Jugend erste Eskapaden zeigte, reagierte seine Mutter mit einem öffentlichen Brief – im Buch vollständig abgedruckt.
Vom Studentenleben zum Trendredakteur – und in die Schlagzeilen
Marius begann ein Studium in Los Angeles, wechselte zu einem Praktikum nach Mailand und arbeitete schließlich als Trendredakteur in London. Eine Debatte entbrannte darüber, ob seine Beziehung zu einem Model von öffentlichem Interesse sei, da er regelmäßig repräsentative Aufgaben für das Königshaus übernahm. Gleichzeitig häuften sich Berichte über respektloses Verhalten gegenüber Flugbegleitungen und Mitarbeitenden des Hofes.
Drogen, Entschuldigungen und neue Vorwürfe
Nach Saufgelagen und Drogenmissbrauch veröffentlichte Marius eine schriftliche Entschuldigung, auf die Ulf wiederum antwortete – beide Briefe sind im Buch dokumentiert. Kurz darauf erhoben zwei ehemalige Freundinnen schwere Vorwürfe: Marius habe ihnen physische und psychische Gewalt angetan. Zudem wurde ihm der Missbrauch seines Diplomatenpasses nachgewiesen. Kronprinzessin Mette-Marit soll sogar das Handy ihres Sohnes zerstört haben, bevor es von der Polizei beschlagnahmt werden konnte.
Vertuschung auf höchster Ebene
Eine Tonaufnahme eines Informanten belegte schließlich, dass Verfehlungen von Marius bis in die obersten Ebenen der Polizeibehörde gedeckt worden seien – offenbar mit Beteiligung höchster Regierungsstellen. Für das Journalistentrio stand fest, dass Marius „Privilegien, Nachsichtigkeit und Vorzugsbehandlungen vor dem Gesetz“ genoss.
Familiäre Hintergründe und ein Gut im Ausnahmezustand
Kvam beschreibt zudem, wie sich Haakon und Mette kennengelernt haben, was über ihre Herkunft bekannt ist und welche Auswirkungen die Ereignisse auf das Paar gehabt haben könnten. Auf dem Gut Skaugum wurden während von Marius organisierten Hausfestivals Wertgegenstände von seinen kriminellen Freunden gestohlen.
Festnahmen, verbotene Kontakte und verstörende Funde
Mehrfach wurde Marius festgenommen – unter anderem, weil er gegen ein Kontaktverbot gegenüber seiner Ex-Freundin verstoßen hatte. Die Polizei beschlagnahmte Fotos sexueller Handlungen, die er an offenbar betäubten und wehrlosen Frauen vorgenommen haben soll. Die Zahl der Bild- und Videodateien, die Vergewaltigungen ohne Geschlechtsverkehr dokumentieren, wuchs auf mehrere Hunderttausend. Das Ermittlertrio konnte die „Verdunkelung“ und den „Verzicht auf Inhaftierung“ nicht nachvollziehen.
Opferstimmen und offene Fragen
Drei Opfer kommen im Buch zu Wort, bevor Kvam die Anklagepunkte zusammenfasst. Zurück bleibt der bittere Beigeschmack, dass die Königsfamilie nicht vernommen wurde. Die Autorin stellt die Frage, wie man wohl verfahren hätte, wenn der Tatort nicht das Zuhause der Royals gewesen wäre.
Drohungen, Pressefreiheit und die Motivation hinter dem Buch
Im Oktober 2025 drohten Marius und sein Verteidiger dem Magazin SE og HØR und forderten ein sofortiges Ende der Berichterstattung. Kvam betont, wie wichtig es sei, Mut zum Widerspruch aufzubringen. Ihr Buch enthalte nicht „die ganze Wahrheit, aber einen Teil davon“. Und: „Wenn Marius jetzt versucht, die Presse mit Paragrafen zu knebeln, anstatt ihr mit Worten zu begegnen, wird nur umso deutlicher, warum dieses Buch geschrieben werden musste.“
Ein Tagebuch der Skandale – und ein Blick zurück
Kjersti Kvam hat ihr Sachbuch, das von Ricarda Essrich und Julia Geschwilm aus dem Norwegischen übersetzt wurde, in tagebuchähnlicher Form verfasst. Die chronologische Struktur verstärkt die Spannung einer Geschichte, die sich um „Skandale und Vertuschungen um Mette-Marits Sohn und das norwegische Königshaus“ dreht – und sich auch genau so liest. Sie beginnt mit der Eheschließung des Kronprinzen zu einer Zeit, als Marius noch ein kleiner Junge war, den die Norweger ebenso ins Herz schlossen wie seine alleinerziehende Mutter.
Außer Kontrolle – Die Akte Marius Borg Høiby von Kjersti Kvam

Übersetzung von Julia Gschwilm und Ricarda Essrich
mvg Verlag 2026
Hardcover
192 Seiten
ISBN 978-3-7474-0791-2