
Ein Einstieg, der keine Zweifel lässt
Bereits im Vorwort macht Simone Kleinert im Sachbuch Die (un)verborgene Gewalt gegen Frauen* deutlich, dass Prostitution eine Normalisierung von Machtmissbrauch darstellt und die liberale Prostitutionsgesetzgebung sexuelle Übergriffe rechtlich wie gesellschaftlich begünstigt. Die ehemalige Spiegel-Journalistin Barbara Schmid folgt dem Anspruch Rudolf Augsteins, „Schreiben, was ist“, und setzt diesen Grundsatz konsequent um. Laut Koalitionsvertrag der aktuellen Merz-Regierung ist Deutschland zum größten europäischen Umschlagplatz für Menschenhandel geworden – mit Duisburg als zentraler Drehscheibe. Männer müssen, so wird ausgeführt, dank früherer politischer Entscheidungen nicht mehr nach Thailand reisen, sondern finden das „europäische Bordell“ direkt vor der eigenen Haustür.
Schicksale, die unter die Haut gehen
Anhand eines Mädchens, dessen Martyrium mit dreizehn Jahren auf einem Reiterhof begann, beschreibt Schmid die perfide Loverboy-Masche, die gezielt zwölf- bis vierzehnjährige Mädchen anspricht. Nach einem historischen Rückblick folgt das Schicksal eines nigerianischen Mädchens, das durch Voodoo-Rituale gefügig gemacht wurde. Schmid berichtet außerdem über sogenannte Gangbangs, bei denen eine Frau von mehreren Männern vergewaltigt wird, und darüber, dass Zuhälter für hochschwangere Frauen höhere Preise verlangen. Diese Frauen, die sie als „ihr Eigentum“ betrachten, müssen bis kurz vor der Geburt und wenige Stunden danach weiter „arbeiten“.
Wer sind die Freier? Ein Blick in die Realität
Unter den Freiern finden sich sowohl gepflegte Führungskräfte als auch Männer, die sich tagelang nicht gewaschen haben. Jeder vierte Mann in Deutschland soll bereits eine Prostituierte aufgesucht haben – die Hälfte davon verheiratet und möglicherweise Vater. Besonders beliebt ist der Besuch in der Mittagspause, um bei der Patnerin keinen Verdacht zu erregen. Dass die wenigsten Prostituierten freiwillig arbeiten, viele nur mithilfe von Drogen durchhalten, oft ohne Krankenversicherung sind und an Krankheiten wie Gonorrhö, Syphilis, HIV oder Hepatitis leiden können, scheint viele Freier ebenso wenig zu interessieren wie das Risiko, ihre ahnungslosen Partnerinnen anzustecken.
Das Nordische Modell: Ein anderer Weg
Seit der Einführung des Nordischen Modells in Schweden im Jahr 1999 werden nicht die Prostituierten, sondern die Profiteure bestraft – die Freier. Anfangs war die Zustimmung gering, doch inzwischen findet das Modell in einem Land, in dem die Achtung vor Frauen und Familie traditionell hoch ist, breite Unterstützung. Auch außerhalb Europas wird es angewandt. Bemerkenswert ist, dass es seit seiner Einführung in Schweden keinen einzigen Todesfall unter Prostituierten gegeben haben soll.
Foren, die Abgründe offenbaren
Nach der Geschichte einer achtzehnjährigen Ungarin, die vom Dorfpolizisten verschleppt und zunächst in einer Kellerbar zur Prostitution gezwungen wurde, zitiert Schmid aus einschlägigen Foren, in denen sich Männer austauschen. Die dort geschilderten Inhalte übersteigen vieles, was man sich vorstellen kann, und sind schwer zu ertragen. Gehirnscans von Prostituierten zeigen laut Darstellung im Buch schwerere posttraumatische Belastungsstörungen als bei Soldaten. Ärztinnen und Ärzte diagnostizieren häufig Dissoziation – ein Schutzmechanismus des Gehirns, der unerträgliche Wahrnehmungen ausblendet. Die hohe Selbstmordrate erscheint vor diesem Hintergrund kaum überraschend.
In einer Publikation des Harvard International Law Journal wird Prostitution als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. Die Autorin des Buches blickt gespannt darauf, ob und wie die Regierung Merz darauf reagieren wird. Ihr Vorgänger Scholz habe, so wird ausgeführt, „lieber noch einmal eine Evaluierung in Auftrag gegeben, statt die Verhältnisse zu ändern“.
Ein Werk, das aufrütteln will
Barbara Schmid hat ein halbes Jahr an ihrem wichtigen und aufrüttelnden Sachbuch gearbeitet und ihre Aussagen mit zahlreichen Quellen belegt. Die geschilderten Schicksale und die unvorstellbare Gewalt, die vielen Frauen widerfahren ist, sind schwer auszuhalten – aber gerade deshalb müssen sie öffentlich gemacht werden, um das romantisierte Bild der „Pretty Woman“ endgültig zu korrigieren. Es bleibt viel Aufklärungsarbeit zu leisten, und die Hoffnung besteht, dass dieses bedeutende Werk Verantwortliche dazu bewegt, notwendige Veränderungen anzustoßen.
Die (un)verborgene Gewalt gegen Frauen von Barbara Schmid

mvg Verlag 2025
Klappenbroschur
224 Seiten
ISBN 978-3-7474-0722-6

