Zwischen Ohrwurm und Wissenschaft: Prof. Dr. Thomas Jendrosch über Psychologie, Konsum und Popmusik

Prof. Dr. Thomas Jendrosch
Bildquelle: Thomas Jendrosch

Von Wirtschaft zur Medizin – ein Forscher mit ungewöhnlichem Weg

Der Medien-, Konsum- und Verhaltensforscher Prof. Dr. Thomas Jendrosch wurde 1963 in Gelsenkirchen geboren. Nach seiner Schulzeit tauchte er zunächst in die Welt der Wirtschaftswissenschaften ein, studierte an den Universitäten Wuppertal und Köln und wandte sich später zusätzlich der Medizin zu, die er an der Universität Düsseldorf im Zweitstudium begann.

Marketing trifft Verhaltensbiologie: Konsumenten als fühlende Wesen

Seine Promotion an der Universität Wuppertal setzte einen ungewöhnlichen Akzent: ein verhaltensbiologischer Ansatz in der Marketingforschung, der – für damalige Zeiten fast verwegen – Konsumenten nicht nur als Käufer betrachtete, sondern als Wesen mit Instinkten, Emotionen und subtilen Verhaltensmustern.

Publikationen zwischen Fachbuch und Roman – ein Regal voller Ideen

In den folgenden Jahren veröffentlichte Jendrosch eine beeindruckende Bandbreite an Publikationen: über Marketing und Konsumpsychologie, über Verbraucher- und Kundenverhalten, Produktmanagement, Markteinführungsstrategien, Werbung und Leistungssteigerung – immer mit einem klaren psychologischen Blick auf das, was Menschen antreibt, verführt oder irritiert. Heute lehrt er an der FH Westküste in Heide und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Düsseldorf.

Als ich vor über zehn Jahren Ihr Buch Na also, geht doch besprochen habe – eine turbulente Geschichte rund um den ziemlich chaotischen Facharzt Peer Müller –, dachte ich offen gestanden, es handele sich um eine charmante literarische Eintagsfliege. Erst als uns kürzlich Ihr neues Fachbuch Popmusik* erreichte, ein Werk, das das Phänomen Pop auf höchst wissenschaftlicher, aber ebenso zugänglicher Ebene seziert, wurde mir klar, wie breit Ihr publizistisches Schaffen wirklich ist. Eine Recherche später entdeckte ich: Sie haben längst ein ganzes Regal gefüllt.

Popmusik als Forschungsobjekt: Warum ein Chart-Hit mehr verrät als jede Statistik

Professor, wie entstand überhaupt die Idee, sich der Popmusik aus psychologischer Sicht zu widmen?

Prof. Jendrosch:

    Die ehrliche Antwort: aus rein wissenschaftlichem Interesse. Die unterhaltsamere: Ich saß einmal in einer Vorlesung, als ein Student sein Handy nicht auf lautlos gestellt hatte. Plötzlich erklang dieser Chart-Hit… und mein akademisch trainiertes Gehirn fiel freiwillig in eine primitive Wiederholungsschleife. Da wusste ich: Hier wirkt ein psychologisches Prinzip, das ich verstehen muss. Popmusik ist das perfekte Forschungsobjekt – simpel genug, um unterschätzt zu werden, mächtig genug, um Emotionen und Kaufentscheidungen auszulösen.

Ohrwürmer im Hörsaal: Lehre mit Rhythmus und Psychologie

Eine interessante Ausgangslage! Fließt Ihre Forschung auch in Ihre Lehre ein?

Prof. Jendrosch:

    Absolut. Studierende lernen schnell, dass ein eingängiger Refrain oft mehr über Konsumentenverhalten verrät als jede komplizierte Grafik. Wer die Psychologie hinter einem Ohrwurm versteht, versteht auch impulsive Kaufentscheidungen. Und seien wir ehrlich: ‚Wake Me Up Before You Go-Go‘ motiviert besser als jede PowerPoint-Folie.

Da kann ich nur zustimmen, nur machen sich das die Wenigsten bewusst und trällern diesen wie auch andere Songs nur so mit. Sie verbreiten einfach gute Laune. Gibt es unter Ihren Studierenden schon Interesse, in diesem Bereich zu promovieren?

Prof. Jendrosch:

    Einige mutige Studierende haben tatsächlich den Gedanken geäußert. Die meisten wechseln aber dann doch auf ein sichereres Terrain lieber zu Themen wie Preispsychologie. Aber (Doch wegen Wiederholung) das ist in Ordnung. Nicht jeder muss sofort wissenschaftlich zerlegen, was er liebt.

Zwischen Synthiepop, Italo-Disco und Soul: Forscher oder Zuhörer?

Irgendwie schade. Und persönlich: Bevorzugen Sie bei Konzerten eher Synthiepop der 80er, Italo-Disco oder Soul-Musik?

Prof. Jendrosch:

    Das hängt davon ab, ob ich als Forscher oder Zuhörer unterwegs bin. Synthiepop liefert Material für Vorlesungen über Wiedererkennungsmuster, Italo-Disco zwingt mich rhythmisch zu reflektieren, und Soul sorgt dafür, dass man trotz aller Logik mittanzen muss. Ich gehe hin, um zu beobachten – und am Ende wippe ich doch mit.

Musikgeschmack im Wandel – von Kindheit, Partnern und Lebensphasen geprägt

Entschuldigung, dass ich schmunzeln musste, denn ich habe mich sofort gefragt, ab wann die Würfel fallen, ob Sie als Forscher oder Zuhörer unterwegs sind, und noch mal konnte ich mir ein Lächeln bei Ihrer Aussage, trotz aller Logik bei Soulmusik mittanzen zu müssen, nicht verkneifen. Sie schreiben, dass Herkunft und Bildung den Musikgeschmack stark prägen. Wie verhält es sich bei jemandem, der in einem bildungsfernen Haushalt aufgewachsen ist, sich aber bis zum Abitur oder Hochschulstudium hochgearbeitet hat?

Prof. Jendrosch:

    Ah, Natur versus Kultur in Vinyl verpackt. Die Kindheit prägt meist stark – das kann man nicht wegstudieren. Menschen halten gerne an vertrauten Melodien fest, auch wenn sie plötzlich in einem Umfeld landen, in dem Bach oder Jazz ‚seriöse Hintergrundbeschallung‘ ist. Das neue Umfeld kann subtile Änderungen bewirken, aber die alten Ohrwürmer verschwinden nicht einfach.

Welchen Einfluss kann ein Lebenspartner auf den eigenen Musikgeschmack haben, besonders wenn anfangs kaum Übereinstimmung besteht?

Prof. Jendrosch:

    Ein Partner ist ein besonders wirksamer Einflussfaktor. Anfangs denkt man: ‚Nein, danke, nicht mein Ding.‘ Dann hört man den Song ein zweites Mal – und plötzlich summt man mit. Subtil, manchmal frustrierend, manchmal erhellend: Plötzlich findet man sich mittanzend in einer Musikrichtung wieder, die man vorher nur belächelt hätte. Anpassungsfähigkeit liegt in der Natur des Menschen – vor allem, wenn Liebe im Spiel ist.

Schlager, Nostalgie und wissenschaftliche Neugier – ein persönlicher Blick

Was Liebe nicht so alles zu bewegen vermag… Wie hat sich Ihr eigener Musikgeschmack im Laufe des Lebens entwickelt? Und könnten Sie sich vorstellen, mit zunehmendem Alter auch Schlager zu schätzen?

Prof. Jendrosch:

    Mein Geschmack ist eine Zeitreise: Von rebellischen Jugendrhythmen über analytisch interessante Strukturen des Erwachsenenalters bis zu Nostalgie und wissenschaftlichem Interesse. Schlager? Je älter man wird, desto leichter erkennt man Muster – auch in Texten wie ‚…und immer wieder geht die Sonne auf‘. Ich könnte also eines Tages mitsummen. Aber natürlich akademisch vertretbar und äußerst selten öffentlich.

Was ich Ihnen gerne glauben will. Bei der Lektüre musste ich bei der Stelle schmunzeln, als der Radiomoderator während einer Kassettenaufnahme dazwischen quatschte. Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?

Prof. Jendrosch:

    Leider ja. Nichts lehrt Geduld so effektiv wie das Warten auf das Ende eines Songs, um die Aufnahme zum richtigen Zeitpunkt zu stoppen. Wenn dann ein Radiomoderator den Song unterbricht, war alles umsonst. In gewisser Weise war das ein frühes Training in Frustrationstoleranz – und glauben Sie mir, nichts stärkt den Charakter so nachhaltig wie ‚Rewind und nochmal‘.

Wein und Musik: Wie Klänge den Geschmack modulieren

Ach ja, das waren noch Zeiten! Zum Jahrgang 57 gehörend, habe ich da auch so meine leidvollen Erfahrungen gemacht. Als Weinliebhaberin weiß ich, dass derselbe Wein je nach Glas oder Urlaubsort anders schmeckt. Haben Sie schon ausprobiert, ob Musik den Wein anders schmecken lässt?

Prof. Jendrosch:

    Absolut – rein wissenschaftlich, natürlich. Musik verändert nicht die Chemie des Weins, aber die Wahrnehmung. Ein Cabernet bei Bach wirkt seriös und intellektuell, derselbe bei Synthiepop plötzlich rhythmisch und waghalsig. Fazit: Musik moduliert Geschmack subtil.

Struktur, Sturheit und Humor: Das Geheimnis produktiver Publikationen

Interessant, dass Sie das auf der wissenschaftlichen Ebene nicht widerlegen. Sie dozieren an der FH und halten Vorträge in Firmen. Woher nehmen Sie die Zeit für all die Publikationen?

Prof. Jendrosch:

    Im Wesentlichen sind es drei Dinge: Erstens: ein konsequenter Tagesplan. Zweitens: jede kleine Beobachtung als potentiellen Artikel betrachten. Drittens: Sturheit – wenn eine Idee da ist, wird sie niedergeschrieben, bevor sie wieder verschwindet. Und Humor hilft enorm, sonst würde die Arbeit schlicht langweilen.

Nun ja, Humor macht den Tag auch nicht länger, während Struktur auf der anderen Seite Zeit einspart. Vielen Dank, Professor Jendrosch, für die spannenden Einblicke – wissenschaftlich wie persönlich.

Prof. Jendrosch:

    Sehr gern. Und falls Sie nun beim nächsten Ohrwurm unwillkürlich mitsummen, wissen Sie: Es ist nicht nur Musik – es ist Psychologie in Aktion.

Ich werde es mir merken!

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