In dem Roman Wunderland von Sophie Albers will die Journalistin Hama einen Artikel über Personen mit Migrationshintergrund schreiben. Ihr Anliegen ist es, über die Welt zu schreiben, in der diese Menschen leben. Dazu trifft sie sich mit Tamer, dessen Vater Palästinenser und die Mutter Deutsche ist. Er war erst 9 Jahre, als der Vater verschwand und ist auch wie seine Mutter von ihm geschlagen worden. Als Hama mit ihm in einem Café sitzt, muss sie feststellen, dass ihnen offene Fremdenfeindlichkeit entgegenschlägt. Obwohl Tamer in Deutschland geboren ist, sieht man in ihm, allein wegen seines Äußeren, einen Ausländer.

Bei den wiederholten Treffen, zu denen teilweise auch seine Freunde kommen, erfährt sie von ihm, dass er früher Alkohol getrunken und gekifft hat. Es gab eine Zeit, da ist er jeden Tag in den Puff gegangen, doch heute schimpft er auf die Scheißschwuchteln, weil man einem Mann nicht in den Arsch ficken sollte. Wenn Hama auch vieles an seiner Einstellung, besonders zu Mädchen, missfällt, so ist sie von seiner Welt fasziniert. Sie fragt sich, ob bei ihren Recherchen Emotionen erlaubt sind. Hama ist selbst Jüdin und hat sich oft als Außenseiterin gesehen. Sie versteht langsam, wie man immer eine Fremde im eigenen Land sein kann. Sie fragt Tamer, was für ihn Freundschaft bedeutet, ob er sich seine Hand für jemanden abhacken lassen würde. Sie kennt nur Leute, die zuerst an sich selber denken. Tamer antwortet ihr, wenn man erst fragen muss, dann stimmt da schon etwas nicht und man hat den Sinn einer Freundschaft nicht verstanden.

Sie macht sich immer mehr Gedanken darüber, wie sehr doch jeder durch sein Umfeld geprägt ist, denn als sie zum Ballett und auf die Uni ging, hat Tamer mit Drogen gedealt und ist festgenommen worden. Er ist zwar ehrlich unhöflich, bei sich jedoch entdeckt sie eine falsche Höflichkeit. Tamer gesteht ihr, dass er eine Frau und viele Kinder möchte und Angst vor dem Tod hat. Eines Tages meldet er sich nicht mehr bei ihr und sie wird zur Polizei gebeten, denn Tamer ist mit 200 Stundenkilometern vor einen Brückenpfeiler gerast.

Sophie Albers fragt in Wunderland nach der Identität derer, die hier bei uns aufgewachsen sind, aber nie in der Heimat ihrer Eltern waren. Im Fall von Tamer hat dieser mittlerweile verinnerlicht, Araber zu sein. Es werden alle Werte und Normen infrage gestellt und die Menschen leben in der Gewissheit, dass ihr Leben eine große Verarschung ist und sie in einem Käfig gefangen sind. Die Autorin wirft die Frage auf, ob die Generation mit Migrationshintergrund auch Schuldgefühle betreffend des Dritte Reichs hat, oder ob ihnen die Kollektivschuld erspart bleibt. Es ist die traurige Wahrheit, dass wir alle zwar in derselben Stadt leben, aber in verschiedenen Welten. Wunderland von Sophie Albers ist ein Plädoyer für alle „Randgewächse“ unserer Gesellschaft, bei denen wir lieber verschämt wegsehen, anstatt ihnen in die Augen zu schauen.

Sophie Albers, Wunderland, Knaus Verlag 2011, gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 176 Seiten, ISBN 978-3-8135-0398-2, Preis: 14,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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