Wild Card von Claudia Sammer

Wild CardAls Wild Cards werden unerwartete Ereignisse bezeichnet, die eine geringe Wahrscheinlichkeit haben, deren Eintreten jedoch starke Veränderungen nach sich ziehen. Ein solches Ereignis war der Terroranschlag vom 11. September 2001, den die vier Protagonisten in Claudia Sammers Roman „Wild Card“ aus unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen haben.

Zwei Fremde, die sich zufällig begegnet sind, streifen in der Nacht des elften Septembers durch die ungewohnt menschenleeren Straßen von New York und versuchen, das Unfassbare zu begreifen. Sie lassen sich treiben und werden an verschiedene Orte in der Stadt gespült. Fast vergessen sie, dass es nicht einfach nur eine durchzechte Nacht ist und plötzlich stehen sie im hellen Kerzenschein. Soweit das Auge reicht, den ganzen Block entlang, stehen überall Kerzen und an den Häuserwänden hängen Zettel mit Vermisstenanzeigen. Als die Nacht vorüber ist, verabschieden sie sich fast wie alte Freunde, wohl wissend, dass sie nur Gestrandete sind, die Halt gesucht haben.

Nur vier Minuten, nachdem in New York der Nordturm des World Trade Centers eingestürzt ist, wird in einem Kreißsaal in Österreich Totte geboren, der, als er älter ist, seinen Geburtstag nicht mag, weil an einem solchen Tag niemand feiern möchte. Die Familie wohnt in einem alten Wiener Vorstadthaus, und an jedem Nachmittag kommt die Nachbarin Gitti vorbei, die in ihrem Wohnzimmer auf einem großen, dunkelblauen Teppich hunderte Zuckerstückchen zu ihrer Milchstraße ausgelegt hat. Sie hat den Terroranschlag in New York hautnah miterlebt, denn das Flugzeug sei direkt an ihrem Hotelfenster vorbeigeflogen und niemand habe gewusst, ob nicht weitere Flugzeuge unterwegs wären.

Bei dem Roman „Wild Card“ von Claudia Sammer entsteht zunächst der Eindruck, dass er in zwei Handlungssträngen erzählt wird, die im weiteren Verlauf miteinander verknüpft werden. Doch ist das nicht der Fall, denn der Versuch, die beiden voneinander völlig unabhängigen Geschichten mittels eines Zeitungsartikels zusammenzuführen, ist leider misslungen. Bei den sechs Kapiteln, die in den Jahren 2001 bis 2002 und mit einem größeren Zeitsprung in den Jahren 2019 bis 2022 angesiedelt sind, handelt es sich lediglich um Fragmente, die am Ende kein Gesamtbild ergeben. Es sind kurze Augenblicke aus dem Leben von vier Handlungspersonen, die von der Autorin in irgendeiner Form mit dem Terroranschlag 9/11 in Verbindung gebracht werden.

Jedem Kapitel wurde ein Zitat aus den Werken verschiedener bekannter Autoren wie Virginia Woolf oder Friedrich Dürrenmatt vorangestellt. Doch leidet der Roman unter einem ziemlich dünn geratenen Plot, obwohl sich Claudia Sammer von den Büchern „Sternenjäger“ von Jon Larsen und „Ich habe einen Traum“ von Ortrud Grön in einigen Teilen der Handlung ihres Romans inspirieren ließ. Der gewöhnungsbedürftige Schreibstil der Autorin und der teilweise surreal wirkende Plot lassen dem Leser viel Raum für eigene Reflexionen, zumal die beiden parallel erzählten Geschichten keinerlei Interesse am weiteren Verlauf der Handlung wecken. Sie sind weder spannend, noch unterhaltsam und man kann ihnen am Ende auch keinen tieferen Sinn abgewinnen.

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Wild Card von Claudia Sammer

Wild Card
Braumüller Verlag 2021
Hardcover mit Schutzumschlag
176 Seiten
ISBN 978-3-99200-307-5

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Bildquelle: Braumüller Verlag

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