Die Anthologie Wie is? – Muss., herausgegeben von Hermann Beckfeld und Werner Boschmann, beinhaltet neben Kurzgeschichten auch einige Gedichte und zwei Autobiografien. Desweiteren beantworten Autoren in insgesamt drei Gesprächen ihnen gestellte Fragen, bei denen es zum einen um den Verein Vfl-Bochum und zum anderen um einen Ruhrgebietsladen in Mülheim geht. Außerdem erklärt eine der Befragten, dass sie sich tatsächlich für einen Umzug vom vornehmen Hamburger Stadtteil Blankenese ins Ruhrgebiet entschieden hat.

In den Kurzgeschichten, die nicht zwangsläufig das Ruhrgebiet zum Handlungsort haben, berichtet eine Buchhändlerin von ihren Erlebnissen in der Buchhandlung, eine Vorstadtreporterin plaudert aus dem Nähkästchen, und eine Putzfrau hat ihre Aufgabe im Museum zu ernst genommen. Mit einer unliebsamen Bescherung endet sowohl ein Familienausflug zum Ketteler Hof, als auch für eine Hausfrau der Besuch eines Scherenschleifers. Auf die Mercatorhalle in Duisburg singt einer ein Loblied, und ein anderer wertet die Wiederholung einer Schulklasse als Chance und Glücksfall.

Auch, wenn die Unschuld eines Diebes längst bewiesen ist, wird dieser von einer Person weiterhin verdächtigt. Ein Referent steht peinlich berührt auf der Bühne, weil er versehentlich im falschen Vortragssaal gelandet ist, ein Vater hat wegen seines in der Öffentlichkeit beim Rauchen erwischten Sohnes Ärger mit dem Ordnungsamt, und ein Gartenbesitzer ärgert sich nicht nur über Maulwurfshügel, sondern auch noch über seinen trüben Gartenteich. Während eine Studentin nicht weiß, welches Studienfach sie wählen soll, hat eine andere eine Klausur verhauen. Ein Enkel hat mit seinem Opa erst Brombeeren gepflückt und steht dann mitten auf der A40, weil der Keilriemen seines Autos gerissen ist. Es werden Beamte zum Einsatz gerufen und verstehen in einem anderen Fall nicht, dass mit einem Kubaner ein Knallkörper gemeint ist. Ein ungewöhnlicher Pullunder wird gestrickt, eine gestresste Mutter findet ihr Portmonee nicht, auf dem Weg zum Arzt stürzt eine Frau vom Rad, und ein Paar ist genervt, bevor es endlich den Strand in Holland genießen kann.

Die Kurzgeschichten sind allesamt mal mehr, mal weniger interessant, können turbulent und chaotisch geschrieben sein, oder auch amüsant. Dass sich in einer Anthologie immer auch weniger originelle und spannungslose Texte wiederfinden, ist auch leider bei Wie is? – Muss. der Fall. Mit einem ausgefallenen Plot können dagegen „Oh, du fröhliche!“ von Klaus D. Krause und „Auf der Halde“ von Elke Schleich aufwarten. In der ersten triumphiert ein Hirte beim Krippenspiel vor Schadenfreude und flötet bei bester Laune ein Weihnachtslied. Die zweite Geschichte handelt von einer betrogenen Frau, die mit Blick von der Rungenberghalde auf die Zeche Hugo und die Arena auf Schalke eine Dauerkarte der Blau-Weißen zu verschenken hat. Doch den Vogel schießt der Beitrag von Herbert Knorr mit „Schitt häppens hoch drei!“ ab! Denn seine Geschichte, in der die Witwe eines Obersteigers einen Mann sucht, der unbedingt ein „Sitzpinkler“ sein muss, ist genau das, was der Leser von dem Buch mit einem so originellen Titel erwartet hat: In authentischem Ruhrpottdialekt serviert dieser Autor eine total witzige Geschichte, bei der kein Auge trocken bleibt.

Es ist richtig, wenn es im Vorwort heißt, dass es die Bewohner des Ruhrgebiets nicht mehr als Schande empfinden, hier zu leben. Manche sind sogar davon überzeugt, „verdammtes Glück“ gehabt zu haben. Doch wer wirklich mit offenen Augen durch den Pott streift, muss Simon Wagenschütz mit seiner Geschichte „Zweiter“ Recht geben, in der er behauptet, dass der Strukturwandel nicht gelungen ist, auch wenn Politiker uns das immer wieder einreden wollen.

Hermann Beckfeld und Werner Boschmann (Hrsg.), Wie is? – Muss., Verlag Henselowsky Boschmann 2016, Hardcover, 176 Seiten, ISBN 978-3-942094-66-5, Preis: 9,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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