Wenn die Nacht dem Wald die Augen öffnet

Cover von Wenn es Licht wird im Wald von Kaisa Happonen und Anne Vasko

Magische Begegnungen im Zwielicht

In elf Geschichten und einem Gedicht erzählt Kaisa Happonen in ihrem Kinderbuch Wenn es Licht wird im Wald, wie Bär Brumm dem Feuerfalter erklärt, dass man im Licht des Waldes sehen kann. Brumm will unbedingt entdecken, wo sich das erste Fitzelchen Nacht versteckt – so zumindest sagt er es einem seiner Freunde.

Am Seeufer singt der Schilfrohrsänger nicht nur am Tag, sondern auch noch in der Nacht. Doch in dem Moment, in dem der Abend zur Nacht wird und der Mond aufgeht, legt er eine Pause ein, um danach noch wilder nur für den Mond zu singen. Auf den schwarzen Federn des Stars glänzt der Mond, und wegen der Spiegelung auf seinem Federkleid trägt er ihn überallhin mit sich. Der Mond scheint aus seinen Augen zurück, und wenn der Star sie schließt, gehört der Mond nur ihm.

Sternschnuppen, Polarlichter und staunende Tiere

Einen hellen Lichtstreifen zwischen den Sternen beobachtet die Eule. Doch plötzlich stürzt der Streifen herab und erlischt. Auch wenn die Eule nicht weiß, was das war, wünscht sie sich, es noch einmal zu sehen.

Nach einem langen, schnellen Lauf entdeckt der Polarfuchs am Himmel bunt flackernde, hell leuchtende Lichter. Bis sie wieder erlöschen, versucht er, ihnen nachzujagen. Die Eule bewundert derweil ihre golden schimmernden Federn und bemerkt die Sternschnuppen gar nicht. Da sie jedoch nicht weiß, was sie verpasst hat, ärgert sie sich auch nicht.

Vom Unsichtbaren und vom Spiegel der Welt

Wo zuvor zwei Raben saßen, ist nun nur noch einer übrig, der laut krächzt. Als das Eichhörnchen wissen will, worüber der Rabe nachdenkt, und erfährt, dass es das Unsichtbare ist, hält es das für großen Unsinn. Doch dem Raben bleibt die Erinnerung, und er malt sich im Dunkeln aus, was er nicht mehr sehen kann.

Bär Brumm und der Elch entdecken, dass der Wald im Teich auf dem Kopf steht. Obwohl sie den Elch an seinem Geweih bei jeder Bewegung genau erkennen können, findet er es merkwürdig, dass sein Spiegelbild nicht auf seinen tiefen Laut antwortet.

Vom Werden, Vergehen und Wiederkehren

Ein alter Baum, der nur noch ein grauer Stamm ist, schon lange nicht mehr wächst und weder Rinde noch Zweige oder grüne Nadeln hat, erinnert sich dennoch an die Zeit, als er ein kleiner Sprössling war. Noch bietet er einem Vogel in einer Höhle Schutz, und nachdem er umgefallen ist, wächst neuer Wald auf ihm. Auf seinem bemoosten Stamm sprießt später sogar eine kleine Fichte – so erfüllt der Baum auch jetzt noch eine Aufgabe.

Schließlich will der Freund des Bären wissen, was Ahnungen sind. Da entdecken sie eine Knospe am Ende eines Birkenzweigs, und Brumms Ahnung sagt ihm, dass sich nach dem Öffnen ein kleines grünes Blatt zeigen wird.

Für wen das Buch gedacht ist

Die Vorlesegeschichten von Bär Brumm und seinen Freunden richten sich an Kinder ab fünf Jahren. Sie müssen nicht der Reihe nach gelesen werden, sondern können der jeweiligen Situation angepasst werden. Soll die Geschichte beim Einschlafen helfen, bietet sich eine mit nächtlichem Himmel an, der die tatsächliche Tageszeit widerspiegelt.

Was Kinder dabei lernen

Aus den stets nur wenige Zeilen umfassenden Texten von Kaisa Happonen – übersetzt aus dem Finnischen von Anu Stohner – erfahren Kinder, dass die Nacht allmählich hereinbricht, wenn sich der Wald (Erwachsene würden sagen: die Erde) von der Sonne wegdreht.

Bei der Beobachtung der Eule handelt es sich offenbar um eine Sternschnuppe, was beim Vorlesen ergänzt werden könnte. Die Lichter, die der Polarfuchs sieht, erinnern an Polarlichter – ein Naturschauspiel, das im Januar 2026 sogar in Norddeutschland bis hin zu den Alpen beobachtet werden konnte. Amüsant dürfte für Kinder sein, dass sich der Elch darüber wundert, wenn ihm sein Spiegelbild nicht antwortet.

Illustrationen, die Stille sichtbar machen

Die Illustrationen von Anne Vasko verzichten auf Ausschmückungen und lenken den Blick auf das Wesentliche. Seiten mit bunten Farben wechseln sich ab mit nächtlichem Himmel und fast weißen Polarlandschaften.

Allein der Feuerfalter lädt mit einer Doppelseite zum intensiven Betrachten ein; andere Seiten kommen ganz ohne Text aus und markieren so die Stille der Nacht. Die ruhigen Bilder sind ein echter Hingucker und ergeben in ihrer Verbindung mit den Texten ein stimmiges, für kleine Kinder sehr gelungenes Buch.

Wenn es Licht wird im Wald von Kaisa Happonen und Anne Vasko

Cover von Wenn es Licht wird im Wald von Kaisa Happonen und Anne Vasko
Übersetzung von Anu Stohner
Carl Hanser Verlag 2026
Hardcover
168 Seiten
ISBN 978-3-446-28314-5

Bildquelle: Carl Hanser Verlag

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