In drei Erzählungen setzt sich Beile Ratut in ihrem Buch Welt unter Sechs mit dem Handeln und dem Charakter von Männern auseinander, die sich selbst im Leben erst sehr spät erkennen und zu sich selbst finden. So fragt sich der Priester Mattei in „Das Schandmal“ immer wieder, wer und was er ist. Fast zwölf Jahre ist er mit Malessa verheiratet, doch sie reden kaum mehr, haben keine Gemeinsamkeiten und leben in verschiedenen Welten. Ihr Rückzugsort ist der Garten, er sucht seinen Frust im Schreiben von Büchern zu verarbeiten. Mattei genießt es, seine Frau zu demütigen, die dazu schweigt und ihm intellektuell nicht gewachsen scheint.

In der Erzählung „Heilige Nacht“ ist der angesehene Wissenschaftler Heinrich darüber erstaunt, dass er über seinen Sohn Sebastian kaum etwas weiß, nachdem dieser eines Tages im Wald verschwunden ist. Während die Polizei nach Spuren sucht und weitere Fragen stellt, denkt Heinrich viel an seinen Vater und erkennt mit Erschrecken, dass er ihm in vielerlei Hinsicht ähnlich ist. Sebastian war nie der Sohn, den sich Heinrich gewünscht hat. Aber eine Schuld, die er sich nur schwer eingesteht, lässt ihn nicht zur Ruhe kommen und ihn schließlich die Suche aufnehmen.

Ein alter Mann hängt in der Erzählung mit dem Titel „Flut“ seinen Erinnerungen nach, die bis zurück in seine ärmliche Kindheit reichen. In seinem Leben, das keine Rücksichtnahme kannte, hat er es zu einem einflussreichen und vermögenden Mann gebracht, zu dem die Frauen aufgesehen haben. Für die Nöte und Sorgen seiner Mitmenschen war er taub und hat stattdessen großzügig gespendet. Heute lebt er verarmt als Bettler und denkt in Liebe an seine Elizabet, die er verraten und verloren hat.

Die Ausnahmeautorin Beile Ratut ist für ihren anspruchsvollen Erzählstil bekannt. Wo die musikalische Untermalung in einem Film die Spannung zu steigern vermag, setzt sie auf Wiederholung der Schlüsselworte oder auch ganzer Sätze. Als rhetorische Mittel benutzt sie Sinnbilder wie Dämme, die vor der Wassergewalt der Fluten schützen sollen, aber für einen Schutzwall stehen, den ein Mann um sich aufgebaut hat. In ihren Erzählungen überwiegt eine düstere und erdrückende Stimmung. Obwohl so gut wie keine wörtliche Rede eingesetzt wird, die einen Text beleben, macht die Autorin auf einer ihr eigenen Art den Leser auf den Fortgang der Erzählung neugierig und kann ihn jeweils gleich zu Beginn an die Geschichte fesseln.

Wenn auch Männer die Protagonisten sind, so geht es doch im Besonderen um ihre Frauen, die sie mit Worten oder Missachtung verletzt und gedemütigt haben, die von ihnen benutzt und vergewaltigt wurden. Beile Ratut hat sich auf sehr einfühlsame Weise mit der Schuldfrage der Männer auseinandergesetzt, die nach Jahren des Nehmens von Gewissensbissen geplagt werden und die nicht nur ihre Mitmenschen getäuscht haben, sondern auch sich selbst. Ihr schändliches Tun haben sie in ein positives Licht rücken wollen und sich dabei selbst belogen.

Die Botschaft des Buches Welt unter Sechs kann als die Suche nach dem Sinn des Lebens verstanden werden. Viele Menschen können sich durch Rastlosigkeit, Macht- und Besitzstreben nicht mehr an der Natur, dem Duft der Blüten und der Erde, erfreuen und wissen so Alltägliches wie einen Sonnenstrahl nicht mehr zu schätzen. Beile Ratut schreibt nicht für die breite Masse. Sie will provozieren und Fragen aufwerfen, die noch lange in den Köpfen ihrer Leser, die ihr Talent zu schätzen wissen, nachhallen.

Beile Ratut, Welt unter Sechs, Ruhland Verlag 2015, Hardcover mit Schutzumschlag, 184 Seiten, ISBN 978-3-88509-120-2, Preis: 18,80 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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