Vom Leben reich beschenkt von Hildegard Haehn

Vom Leben reich beschenktAuf Sylt erinnert sich die Diplompsychologin Margareta Baumgarten in dem autofiktionalen Roman „Vom Leben reich beschenkt“ von Hildegard Haehn, wie eines Tages eine Fremde ihre Praxis aufsuchte. Eine Berufskollegin, die Elphi genannt werden wollte, hatte eine Geschichte zu erzählen. Jede Woche suchte sie Margareta auf und berichtete aus ihrem Leben: Bereits als Baby hätte sie sich verlassen gefühlt, den Vater verlor sie früh. Sie ergriff den Beruf des Lehrers, den sie jedoch zugunsten eines Psychologiestudiums aufgab. Wiederholt machte sie später die Erfahrung verstoßen zu werden. Sie schilderte Margareta von ihrer ersten großen Liebe und ihrem Aufenthalt in einem indischen Ashram, wo sie eine äußerst zwiespältige Beziehung mit Deepak einging. Ihre Ausführungen reichen bis zu den Problemen und Sorgen um ihre Kinder und ihren Enkeln.

Hildegard Haehn beginnt ihren autofiktionalen Roman, in dem sich fiktionale Handlungselemente mit autobiografischen vermischen und auf diese Weise reale Personen fiktional werden, während sich fiktionale Handlungsebenen in reale verwandeln, mit der Vorstellung der Diplompsychologin Margareta Baumgarten, die sich auf Sylt eine Auszeit gönnt. Über sie erfährt der Leser, dass sie mit Kurt verheiratet ist, vor zehn Jahren eine achtzehnjährige Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren hat, was ihre Ehe seinerzeit auf eine harte Probe stellte, und dass sie nach einem Umzug in die Eifel in einem Bauernhaus lebt. Die wöchentlich stattfindenden Treffen mit Elphi werden von der Autorin jeweils kurz mit Belanglosem, wie einer Tasse Tee kochen, eingeleitet. Der Leser wartet vergeblich auf den Fortgang des Handlungsgeschehens um Margareta auf Sylt, bis er resigniert feststellt, dass der Roman tatsächlich nur die Lebensgeschichte von Elphi zum Inhalt hat, eine nicht enden wollende Darstellung, wie sie langweiliger nicht sein könnte.

Elphi liest Margareta beispielsweise einen Brief vor, den sie an ihren Bruder nach seinem Tod geschrieben hat, worauf beide Frauen in Tränen ausbrechen. Dieser Gefühlsausbruch bleibt kein Einzelfall. In fast schon inflationärer Weise entschuldigt sich Margareta bei Elphi dafür, dass sie den Redefluss ihrer Kollegin unterbrechen muss, der selbst erst beim Erzählen die Zusammenhänge klar werden. Sie bewundert die Geduld von Margareta, ihr aufmerksam zuzuhören, wobei dem Leser eigentlich mehr Bewunderung gebührt, wenn er das Buch nicht zur Seite legt. Elphis Hoffnung, Margareta mit ihrer über alle Maßen langatmigen Darstellung nicht zu nerven, scheint zwar bei dieser in Erfüllung zu gehen. Auf den Leser dürfte dies weniger zutreffen.

Der Dialog der beiden Protagonistinnen scheint Mittel zum Zweck zu sein. Um ihre Botschaft zu vermitteln, hat sich Hildegard Haehn einer Methode bedient, bei der eine Person, in dem Fall Margareta, wiederholt Fragen stellt. Damit hat die Autorin der Geschichte von Elphi, die gleichzeitig ihren Wunsch widerspiegelt, die Menschen „wachzurütteln und sie dabei zu ermutigen, herauszufinden, welches Wunderwerk jeder Einzelne ist“, einen Rahmen gegeben. Ohne Zweifel kann ihr, selbst ehemalige Lehrerin und heute als Psychotherapeutin tätig, ein flüssiger Schreibstil attestiert werden. Obwohl Elphi einmal mit übelsten Drohungen konfrontiert wird, sind ihre Darstellungen ansonsten unspektakulär und wecken nicht das geringste Interesse an der Lektüre. Die Autorin thematisiert auf den letzten Seiten die von Byron Katie begründete Methode „the work“ und listet statistische Daten zum Suizid auf. Darüber zu berichten war wohl neben den Gedanken, wie Eltern mit dem Tod eines Kindes umgehen und wie sie das verkraften, ihr eigentliches Anliegen und damit die Message ihres autofiktionalen Romans.

Vom Leben reich beschenkt von Hildegard Haehn

Vom Leben reich beschenkt
Books on Demand 2020
Broschur
298 Seiten
ISBN 978-3-7519-5581-2

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