Im Alter von sechsundachtzig Jahren schreibt der 1925 in Fredeburg, Hochsauerland, geborene Paul Büchel in nur dreißig Stunden seine Autobiographie Vom Bauernlümmel aus dem tiefsten Hochsauerland zum Millionär und zurück!, wobei er, wie es ihm gerade einfällt, beliebige Zeitsprünge macht. Er stellt das Leben der zur damaligen Zeit zumeist kinderreichen Familien in Punkto Kleidung, Speisen sowie fehlendes Bad und Heizung vor, wobei seine Eltern wegen eines tödlichen Unfalls seines Vaters im Jahr 1936 nur sieben Kinder bekommen. Es ist von seiner Schulzeit, bei der noch Schläge an der Tagesordnung waren, die Rede, von Kinderlandverschickung, einer Lehre zum Industriekaufmann und den ertragenen Schikanen bei der Hitlerjugend und Luftwaffe, zu der er mit achtzehn Jahren eingezogen wird. Paul Büchel ist einer der Kamikazeflieger, leidet in der Kriegsgefangenschaft unter Krätze und schwimmt nach seiner Freilassung wegen der gesprengten Brücken täglich durch den Rhein. In Königswinter lernt er seine spätere, aus Gelsenkirchen-Schalke stammende Frau kennen, die er 1950 heiratet und mit der er drei Kinder bekommt.

Er schreibt weiter von seinem finanziellen Aufstieg durch Schwarzgeschäfte mit Kesselasche und der durch schlechte Kohlenwäsche anfallenden Feinkohle, wozu er mit fünf Zechen Verträge schließt, nachdem er die Direktoren mit großzügigen Geschenken bestochen hat. Paul Büchel trifft sich mit Adenauer und Erhard, raucht Davidoff No.1, unterhält ein Wochenendhaus mit Segelboot in Haltern, fährt zum Winterurlaub nach Garmisch-Partenkirchen und bewohnt 1957 eine Luxusvilla in der Nähe zum Baldeneysee. Er bereist die Welt, ist ein gefeierter Karnevalsprinz und baut 1967 in seiner Heimatstadt im Sauerland ein Luxushotel, das heutigen Ansprüchen eines Wellnesshotels genügen würde.

Durch Betreiben seiner Schwiegermutter muss er Konkurs anmelden und missbraucht ihre Blankounterschrift, um ein Dokument zu fälschen. Doch schnell rappelt er sich wieder auf und betreibt drei Reisebüros, die einige Weltreisen möglich machen. Auch jetzt kassiert er gerne schwarz und kennt ebenfalls keine Skrupel, kostspielige private Reisen, wie die auf die Bahamas, von der Steuer abzusetzen. 1994 stirbt seine Frau, er verkauft sein Immobilienbüro und die Reisebüros. Von dem Erlös lebt er mit einer Lebensgefährtin, die 2009 verstirbt, sechs Jahre auf großem Fuß.

Paul Büchel liebte es offensichtlich, seine Beziehungen zur Vermehrung seines Vermögens einzusetzen. Ohne Zweifel scheint der 2014 Verstorbene vielerlei Talente besessen zu haben und hat seinen Reichtum bestimmt nicht Untätigkeit zu verdanken. Doch darf auch nicht außer Acht gelassen werden, dass er durch Schwarzgeldgeschäfte die jeweilige Basis dafür geschaffen hat und sich seine Reisen durch Steuerbetrug finanziert hat. Was Frauen anbelangt, so hat er wohl auch nichts anbrennen lassen. Bereits in Bordeaux hat er als Flieger in einem Puff seine Unschuld verloren, geht in Brasilien mit einer jungen Studentin in ein Stundenhotel und liebt auf seinen Weltreisen ebenfalls schöne Frauen. Nicht umsonst hieß es: „Sperrt eure Frauen ein, der Büchel kommt“!

In der Autobiographie Vom Bauernlümmel aus dem tiefsten Hochsauerland zum Millionär und zurück! finden sich Abbildungen von Dokumenten, Gedichten und Briefen sowie Fotos. Am interessantesten dürfte das Buch für seine Nachkommen sein oder Menschen, die ihn gekannt haben. Für alle anderen ist es eine nur wenig spektakuläre Lektüre, auch wenn es der Autor zum Millionär gebracht hat.

Paul Büchel, Vom Bauernlümmel aus dem tiefsten Hochsauerland zum Millionär und zurück!, Westfälische Reihe 2014, Hardcover, 169 Seiten, ISBN 978-3-95627-109-0, Preis: 18,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

2 Kommentare

  1. Hallo,
    das klingt ja interessant, aber ist es eine Bildungslücke, von Paul Büchel noch nie etwas gehört zu haben?

    LG Ina

  2. Hallo Ina Degenaar,
    sicher ist das keine Bildungslücke, denn auch ich hatte zuvor noch nie von diesem Menschen etwas gehört. Und ob man das Buch interessant findet, ist sicher Ansichtssache.

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