Unwert – Der Weg des Kirschmädchens von Yasmin Alinaghi

Nach dem Tod seiner Ehefrau ist Josef Klepper der Trunksucht verfallen. Seit er im Siechenhaus lebt, kümmert sich um seine Tochter Käthe ihr Onkel Alwin Klepper, der mit Elsa verheiratet ist. Ihr Vater, der Winzer Karl Ott, war zunächst gegen die Verbindung mit dem Obstbauern, willigte jedoch in die Ehe ein, nachdem er feststellte, wie einträglich dessen Obstwiesen sind. Als Alwin im Juni 1935 einen Einberufungsbefehl erhält, weiß Elsa nicht, wie sie nur mit Unterstützung von Käthe die Ernte einbringen soll. Großzügig schickt ihr Vater Karl Ott für die Ernte seinen Knecht Zores. Die erst dreizehnjährige Käthe fürchtet sich vor dem kräftigen Mann, der ihr im Stall auflauert. Auf Dauer kann sie seinen Zudringlichkeiten nicht ausweichen und wird schließlich von ihm vergewaltigt. Da ihr bewusst ist, dass Zores für die Kirschernte unabkömmlich ist, schweigt sie auch zu seinen wiederholten Übergriffen, nicht zuletzt auch aus Scham.

Dass dem Mädchen Gewalt angetan wird, bleibt auf dem Hof in der hessischen Gemeinde Gudenshain auch Elsa nicht verborgen. Ausgerechnet ihren Vater Karl Ott, der selbst lüstern einer Vergewaltigung zugesehen hat, fragt sie um Rat, der ihr daraufhin vorschlägt, sich an den Dorfarzt Dr. Rudolf Trabert zu wenden. Käthe wird vom Arzt vorgeladen und soll Fragen beantworten, die sie nach nur drei Schuljahren nicht beantworten kann. Aufgrund dessen attestiert ihr Dr. Trabert eine extreme geistige Zurückgebliebenheit. Die Verletzungen an ihren Genitalien ignorierend behauptet er weiterhin, dass sie einen ausgeprägten Sexualtrieb hätte und ordnet deshalb ihre Zwangssterilisation an, wie es die Euthanasiegesetze vorsehen.

Dem Roman „Unwert – Der Weg des Kirschmädchens“ von Yasmin Alinaghi liegt anhand von Gerichtsakten der reale Fall eines elfjährigen Mädchens aus den 1930er Jahren zugrunde. Elsa, die als Handlungsperson des Plots mit ihrer Anzeige ungewollt Käthes Schicksal besiegelt hat, fand es nicht als Einzige ungerecht, dass Käthe und nicht Zores vor Gericht gestellt wurde. Denn auch der Pfarrer hat sich mit seiner mutigen Zeugenaussage, die neben vielen anderen im Plot wiedergegeben sind, eindeutig zu Käthe bekannt. Er geht sogar so weit und unterstellt Karl Ott, dass der sich den Klepperhof aneignen will, was ihm jedoch nur gelingen kann, wenn Josef Klepper im Siechenhaus verbleibt, Alwin Klepper im Krieg fällt und Käthe Klepper ohne Nachkommen bleibt.

Yasmin Alinaghi hat den Leser zu Beginn des Romans mit den Dorfgewohnheiten vertraut gemacht: Karl Ott debattiert mit Willi Lupp, dem Vorsitzenden der Winzergemeinschaft, über die Route der Weinstraße und wer Weinkönigin werden soll. Das Dorf rätselt über den Sinneswandel von Karl Ott, der überraschend der Eheschließung seiner Tochter Elsa mit dem Obstbauern Alwin Klepper zugestimmt hat. Dr. Karges, der die Sterilisation an Käthe vornehmen soll, erkennt allerdings seine Absicht, den Klepperhof für sich zu gewinnen, selbst wenn er dafür das Leben eines jungen unschuldigen Mädchens zerstört.

Die Autorin hat für ihren unter die Haut gehenden und sehr beachtlichen Roman „Unwert – Der Weg des Kirschmädchens“ selbst Details wie die im Plot erwähnte Zigarettenmarke „Eckstein“ recherchiert. Anschaulich beschreibt sie die Verwunderung von Käthe, die erstmals die Aufschrift 00 an einer Tür entdeckt und zu ergründen versucht, warum über dem Türgriff nach dem Eintritt einer Person ein Fensterchen von Grün auf Rot springt. Das brutale Vorgehen und die Festnahmen unbescholtener Bürger während der Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg werden ebenso thematisiert wie die Menschenversuche, die fast immer mit dem Tod der Unschuldigen endeten.

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Unwert – Der Weg des Kirschmädchens von Yasmin Alinaghi


Tinte & Feder 2021
Taschenbuch
311 Seiten
ISBN 978-2-49670-792-2

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