Svendborg 1937 von Tanja Jeschke

Svendborg 1937Im Fokus des Romans „Svendborg 1937“ steht die Aufarbeitung der Ereignisse um die vor dem Zweiten Weltkrieg nach Dänemark emigrierten Juden. Wie Bertolt Brecht wandert auch die Familie Dinkelspiel nach Svendborg auf die dänische Insel Fünen aus, weil die Bilder in der Kunsthandlung von Oz Dinkelspiel als entartet gelten und sich die Familie in Deutschland nicht mehr sicher fühlt. Lediglich ein Bild ist ihm geblieben, das er gut versteckt im Gepäck verstaut. Im Sommer 1937 setzen sich Oz mit seiner Ehefrau Malka sowie den Kindern Ricarda, Meret und dem mongoloiden Friedrich in Flensburg in den Zug, um bei Gertrud, einer alten Freundin von Oz Mutter, unterzukommen. Doch die Familie wird nicht aus purer Nächstenliebe aufgenommen, sondern weil Oz für den „Unterschlupf bares Geld zahlen“ und sich „nicht lumpen“ lassen will.

Ein Anwalt verkauft unterdessen das Haus der Familie in Flensburg samt Inventar. Da Oz aus seiner Kinderzeit von Ferien in Dänemark noch die Sprache spricht, nehmen nur Malka und Meret Dänisch-Unterricht, Ricarda zieht es vor, weiterhin nur auf ihrem Cello zu spielen. In Svendborg vertraut die neunzehnjährige Ricarda ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Meret an, dass sie mit ihrem in Flensburg gebliebenen arischen Freund Kurt-Anselm über Italien nach Palästina auswandern möchte. Mit dem Motorrad von Gertruds verstorbenem Mann erkunden die Mädchen die Gegend, wo Bertolt Brecht mit seiner Ehefrau Helene Weigel lebt. Sie treffen auf seinen Sohn Stefan, den Meret mit aufs Motorrad nimmt und lernen Grete Steffin, die wie Helene Weigel eine Schauspielerin ist, sowie Ruth Berlau kennen, die beide mit Brecht zusammenarbeiten. Auf Wunsch von Ruth assistiert ihr Ricarda, die trotz aller Bitten und Gefahren schließlich zu ihrem Freund Kurt-Anselm nach Deutschland will.

Tanja Jeschke hat für ihren Roman „Svendborg 1937“ die Emigration der Familie Dinkelspiel lediglich als Rahmenhandlung verwandt: Die Protagonisten kümmern sich um Visa, verbringen einen Tag an der Ostsee, besuchen eine Protestausstellung in Kopenhagen, fahren auf dem Tivoli Achterbahn, empfangen einen Brief von Malkas Cousine aus Shanghai und Meret schreibt Briefe. Doch das alles ist eingebettet in das Leben von Bertolt Brecht, über den der Leser wie über seine Ehefrau Helene Weigel, Ruth Berlau und Grete Steffin, zu denen er sowohl ein Arbeits-, wie auch ein Liebesverhältnis unterhielt, einiges erfährt. Der Plot informiert zudem über weitere historische Persönlichkeiten, beispielsweise ist über Willy Brandt zu lesen, dass dieser sein Herz in Norwegen verloren hat.

Weiterhin erinnert die Autorin in ihrem Roman „Svendborg 1937“ an die Bücherverbrennung des Jahres 1933, den Japanisch-Chinesischen Krieg vom Juli 1937 bis September 1945 sowie an den Tod von rund 890.000 Chinesen nach dem Aufbrechen der Dämme des Gelben Flusses durch Chiang Kai-shek am 9. Juni 1938. Ebenfalls erinnert sie an die beispiellose Hilfsaktion der Dänen, die in der Nacht vom 1. Oktober 1943 neunzig Prozent der dort lebenden Juden über den Øresund nach Schweden retten konnten. Eine ausgezeichnete Recherche kann ihr auch im Fall von Wolfgang Willrich attestiert werden, der als Organisator der Ausstellung Entartete Kunst im Roman bei Oz Dinkelspiel vorstellig wurde; ebenso zu dem 1947 verstorbenen polnischen Violinist Bronislaw Huberman, den Kurt-Anselm als Lehrer gehabt hat. In diesem Zusammenhang schreibt sie von dem pikanten Detail seiner Stradivari „Gibson“, die ihm tatsächlich im Februar 1936 von einem Straßenmusiker gestohlen wurde und erst nach dessen Tod wiederauftauchte.

Tanja Jeschke ist mit dem Roman eine grandiose historische Aufarbeitung jener Zeit gelungen, wobei die begnadete Literatin auf Metaphern wie herabhängende Schultern, die sich nicht mehr aufrichten lassen zurückgegriffen und so gut wie keine wörtliche Rede verwandt hat.

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Svendborg 1937 von Tanja Jeschke

Svendborg 1937
Picus Verlag 2022
Hardcover mit Schutzumschlag
224 Seiten
ISBN 978-3-7117-2128-0

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Bildquelle: Picus Verlag
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