Mit achtzehn Jahren meldet sich Ulf Lahner im Januar 1944 freiwillig zur Waffen-SS. Er glaubt fest an das Versprechen des Führers, dass es den Juden gut geht und es wäre ihm eine Ehre, für den Führer zu sterben. Nach der Ausbildung zum Panzergrenadier gehört er zu einem Stoßtrupp in der Normandie, wo er sich zwar als Held erweist, doch auch schwer verwundet wird. In einem Lazarett im Elsass schließt er Freundschaft mit Hans. Wegen der vorrückenden Alliierten wird Ulf in ein Lazarett seiner Heimatstadt Pforzheim verlegt, wo er noch einmal auf seine Mutter trifft. Nachdem die Stadt in ein Flammenmeer verwandelt wurde, in der Ulf nur noch verkohlte Leichen zu sehen bekommt, erbittet er den Marschbefehl. Er hat nur noch den einen Wunsch, wenigstens anständig zu sterben. Ulf gerät in englische Kriegsgefangenschaft, trifft seinen Freund Hans wieder und erfährt erst hier von den an Juden begangenen Verbrechen. Nach Kriegsende soll er wegen einer Beteiligung an einem Massaker in französische Gefangenschaft. Bevor es dazu kommt, begibt er sich zusammen mit Hans, Günther und Fritz auf eine abenteuerliche Flucht vom Ruhrgebiet bis nach Meran, Genua und Buenos Aires, um schließlich in Santiago de Chile einen Spezialauftrag zu erhalten. Dort lernt er auch Pilar kennen, mit der er über seine Schuldgefühle reden muss.

Peter Hakenjos vermittelt in dem Roman Nur der Tod vergisst eindrucksvoll, wie sich Menschen in einem Krieg verändern können und wie gefährlich ein Mensch werden kann, der jede Illusion verloren hat. Selbst ein Kriegskamerad ist für manch einen nur so lange ein Freund, wie der ihm eventuell noch nutzen kann. Durch Gespräche, die der Protagonist Ulf mit anderen führt, gibt der Autor dem Leser Einblicke in die grausame Wirklichkeit der Konzentrationslager. Am Beispiel seines Protagonisten macht Peter Hakenjos deutlich, wie ein Soldat manipuliert werden und Hass ihn dazu bringen kann, Wehrlose umzubringen. Er erinnert an das Massaker vom 10. Juni 1944 der deutschen Wehrmacht von Oradour-sur-Glane, wo zu den 642 Toten selbst Greise und Babys zählten und an den Luftangriff der Royal Air Force auf Pforzheim am 23. Februar 1945, bei dem fast 20.000 Opfer in den Flammen umkamen. Am Beispiel der vier flüchtenden Soldaten zeichnet Peter Hakenjos den Fluchtweg nach, den tatsächlich viele Nazigrößen nutzten. Unter dem Namen „Rattenlinie“ wurden bereits 1943, also lange vor der Kapitulation, Vorbereitungen der späteren Fluchtroute getroffen, die finanziell und durch Bereitstellung von Unterkünften sowohl von der katholischen Kirche, als auch dem Roten Kreuz unterstützt wurde. Aber der Roman rüttelt nicht nur mit der Erinnerung an diesen Skandal auf, sondern geht auch der Frage nach, was in Kriegszeiten Anstand bedeutet, wer die eigentlichen Verbrecher sind und wer welche Schuld trägt. Nur der Tod vergisst ist ein packender Roman, der den Leser sofort in seinen Bann zieht und durch eine äußerst authentische Erzählweise lässt er ihn die Welt um sich herum vergessen.

Peter Hakenjos, Nur der Tod vergisst, Der Kleine Buch Verlag 2014, Taschenbuch, 224 Seiten, ISBN 978-3-7650-8646-5, Preis: 10,00 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für die freundliche Rezension. Ich habe mich sehr gefreut. Falls jemand Fragen zu dem Roman hat, so bin ich als Autor gerne bereit, hier Rede und Antwort zu stehen.

  2. Da gibt es nichts zu danken, denn es handelt sich hier – wie bei allen unseren Buchbesprechungen – nicht um eine Gefälligkeitsrezension. Das Buch ist gut und leistet einen wichtigen Beitrag!

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