Noch lange danach von Gudrun Pausewang

Noch lange danachNoch sind in Deutschland sieben Atomkraftwerke am Netz und bis zum heutigen Tage hat niemand eine Lösung dafür gefunden, wo und wie der anfallende Atommüll sicher und auf Dauer entsorgt werden kann. Der Müll, dessen Halbwertzeit von Technetium-99 beispielsweise über 200.000 Jahre und im Fall von Neptunium-237 sogar unvorstellbare 2,1 Millionen Jahre beträgt, wird vorerst in Zwischenlagern deponiert oder wiederaufbereitet, was wegen der damit verbundenen Gefahren höchst umstritten ist. Ein Endlager ist für den radioaktiven Abfall, der in aller Welt und in Deutschland voraussichtlich bis zum Jahr 2022 anfallen wird, noch nicht in Sicht.

Gudrun Pausewang hat in ihrem Jugendbuch „Noch lange danach“ das Szenario einer Reaktorkatastrophe in Deutschland wahr werden lassen. Ihre Protagonistin Vida Bornwald führt eine Gruppe von Schülern, die aus Chile zu Besuch sind, durch ihre Schule. Obwohl ausschließlich Vida selbst zu Wort kommt, antwortet sie auf an sie gerichtete imaginäre Fragen. Sie erzählt von ihrem Leben und dem Leben ihrer Großeltern sowie von dem vor ihrer Geburt im Jahr 2020 stattgefundenen Super-Gau, der vor einundvierzig Jahren alles veränderte.

Vida Bornwald ist sechzehn Jahre und lebt im Jahr 2061. Das Unglück hatte einschließlich der Spätfolgen bisher über 100.000 Menschenleben gekostet und immer noch sterben vor allem viele Kinder an Leukämie. Nachdem ihr missgebildeter Bruder tot zur Welt kam und ihr Vater wegen der katastrophalen Lebensverhältnisse nach Südamerika ausgewandert ist, lebt sie bei ihrer depressiven und pflegebedürftigen Mutter. Von ihren Groß- und Urgroßeltern hat sie gehört, wie das Leben vor der Reaktorkatastrophe war: Die Lebensmittel wurden von vielen Menschen nicht gewürdigt, die sie häufig grundlos in den Müll warfen, und der Atommüll wurde oftmals einfach ins Meer gekippt, ohne an die Folgen zu denken.

Mittlerweile ist Deutschland zu einem armen Land geworden, das zumindest für Wirtschaftsflüchtlinge unattraktiv geworden ist. Wegen verstrahlter Gene kommen immer mehr Kinder missgebildet zur Welt und viele Paare verzichten aus diesem Grund auf Nachwuchs. Wie Vida der chilenischen Schülergruppe erläutert, ist der Erdboden nach der Katastrophe verseucht, was eine Pleitewelle der Landwirte nach sich zog. Ihre Großeltern hätten sich vor der Katastrophe kostspielige Reisen leisten können. Plötzlich mussten sie evakuiert werden und auf die Schnelle ihre großzügige Villa mit Schwimmbecken verlassen. Vieles blieb dabei zurück. Zunächst wurden sie in einer Turnhalle untergebracht, bevor sie mit einer Behelfswohnung vorliebnehmen mussten.

Gudrun Pausewang weist in ihrem bedeutungsvollen Jugendroman „Noch lange danach“ darauf hin, dass in einer Sperrzone wegen der atomaren Strahlung auch mit Schutzkleidung nur ein befristeter Aufenthalt möglich ist und dass unmittelbar nach einem Reaktorunfall Jodtabletten an die Bevölkerung ausgegeben werden müssen. Natürlich erwähnt sie auch die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima, die sie jeweils zum Schreiben angeregt haben. Wie sie selbst in einem Nachwort deutlich macht, will sie den jungen Lesern keine heile Welt vorgaukeln. Allerdings schränkt sie auch ein, dass der Roman erst ab einem Alter von vierzehn Jahren gelesen werden sollte. Die Autorin ruft dazu auf, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten versuchen sollte, ein wie im Roman geschildertes Unglück zu verhindern. Das kann nur verwirklicht werden, indem nicht jeder egoistisch nur an sich denkt und nach dem Motto nach mir die Sintflut handelt. Der Roman strahlt eine zugegebenermaßen düstere Stimmung aus, doch kann ein solches Szenario nicht schlimm genug geschildert werden, damit in Deutschland niemals das Realität wird, was die beiden Reaktorkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima bereits Wirklichkeit werden ließen.

Noch lange danach von Gudrun Pausewang

Noch lange danach
Ravensburger Buchverlag 2012
Hardcover
128 Seiten
ISBN 978-3-473-40075-1

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Bildquelle: Ravensburger Buchverlag


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