Nachtleben, das klingt aufregend, abenteuerlich, vielversprechend, geheimnisvoll und ein wenig verrucht. Bei dem Wort denken viele an Nachtbars mit leiser Musik. Oder Kneipen, in denen die letzten Gäste herausgekehrt werden, die bereits mit dem Kopf auf dem Tresen liegen. Nachtleben klingt aber auch nach flackernden, blinkenden Lichtern, lauter Musik, tanzenden, singenden Menschen und überfüllten Diskotheken. Über all dies legt sich der Schleier der Dunkelheit, der auch ein Schleier des Vergessens ist. Fast jeder ist schon einmal mittags erwacht, nach einer vom Leben erfüllten Nacht, die so anders war, als der gewöhnliche Alltag.

Es gibt auch Berufe, die nur in der Nacht ausgeübt werden. Neben Kellnern, Diskothekaren und Musikern gehören dazu die Türsteher. Das Romandebüt von Mirco Buchwitz schildert die Erlebnisse eines solchen Türstehers. Zweifellos trägt dieser Roman autobiografische Züge. Neben diesen ist er auch ein Spiegel der Gesellschaft, in der die Individualisierung zu immer größerer Einsamkeit führt. Ein einsames Leben führt auch Richard, der Türsteher und Protagonist des Romans. Haltlos, ziellos und sogar ein wenig hoffnungslos stolpert er durch sein Leben, sein Nachtleben – irgendwo zwischen Partyzelt und Edeldiskothek. Affären mit Frauen gibt es, aber diese halten oft nicht länger als eine Nacht. Kaum ein Mensch schafft es, die dicke Mauer um Richard zu überwinden und zu seiner Seele vorzudringen. Wie auch, hat sich doch Richard selbst längst in einem Netz aus Lebenslügen verstrickt und den Bezug zu sich verloren.

Wurzellos ist der richtige Ausdruck für sein Empfinden. Seine Mutter war oft betrunken und verlieh ihrem Frust in körperlichen Gewaltattacken Ausdruck. Schließlich lebte er ab seinem achten Lebensjahr im Heim und wuchs getrennt von seiner Schwester auf. Ein Leben ohne Halt und ohne feste Bezugspunkte ist das Leben von Richard. Kein Wunder, dass das Erwachsenenleben weiterhin von dieser Ziellosigkeit geprägt ist. Ein Irrgarten aus inhaltslosen Ereignissen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Freunde heiterer, unbeschwerter Literatur sollten sich nicht ans Erstlingswerk von Mirko Buchwitz wagen. Das Buch ist nur für hart gesottene Gemüter geschrieben, die mit schonungslosen Realitätsdarstellungen etwas anfangen können. Dennoch ist das Buch spannend, aufregend und tragisch geschrieben.

Mirko Buchwitz ist in der Lage, seine Leser von der ersten Zeile an in die Handlung hineinzuziehen. Dabei geht er stilsicher, ausdrucks- und inhaltsstark ans Werk. Mirko Buchwitz ist einer der wenigen Autoren, der sich nicht auf ein bestimmtes Genre festlegen. Spielend leicht gelingt ihm die Wanderung zwischen verschiedenen Stilrichtungen. Kabarettstücke, mehrere Hörbücher und Musik gehören bis jetzt zu den Werken des flexiblen und talentierten Künstlers.

Mirco Buchwitz, Nachtleben, Aufbau Verlag 2011, gebunden mit Schutzumschlag, 335 Seiten, ISBN 978-3-351-03362-0, Preis: 17,99 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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