Eine Reise durch Beile Ratuts Roman „Nachhall“

Espens rätselhafte Reise
Der Politiker und Jurist Friedrich Barthelemy war stolz auf seine Tochter Espen, als sie sich für ein Politikstudium entschied. Heute ist die gebildete Frau auf der Durchreise – ihrer letzten Reise auf der Suche nach der Wahrheit. An der Grenzstation hofft sie, dass man ihr den Weg zum „Haus der Freude“ erklärt. Enttäuscht irrt sie als Fremde durch die Stadt, nimmt sich ein Zimmer und muss auf den Transport warten, der sie zu ihrem Ziel bringen soll.
In den Gassen, im Gasthaus oder Kaffeehaus trifft sie auf Menschen, die ihr von einem verlorenen Mädchen erzählen und davon, dass sie selbst etwas verloren habe. Doch Espen weiß nicht, was das sein soll. Immer wieder wird sie gefragt, ob sie sich nicht schäme. Sogar Personen dringen in ihr Zimmer ein, deren Identität ihr unbekannt ist. Sie bittet einen Geistlichen um Hilfe, doch dieser fühlt sich nicht für Fremde zuständig. Im Völkerkundemuseum spricht sie mit Lammarck, einem dort beschäftigten Mann. Schließlich erfährt sie von Mitarbeitern des Fundbüros, dass gegen sie ein Verfahren eröffnet wurde, weil sie etwas Wichtiges verloren habe, das sie nicht hätte verlieren dürfen – und sie deshalb die Stadt nicht verlassen dürfe.
Sprachliche Dichte und psychologische Tiefe
Für den Leser ist es nicht einfach, sich sprachlich und gedanklich in den Roman Nachhall* von Beile Ratut hineinzufinden. Schon früh erfährt man jedoch, dass Espen große Angst hat und sich sogar vor ihren Träumen fürchtet. Sie begegnet einer Reihe unbekannter Personen, unter anderem einem Erinnerer – wobei unklar bleibt, ob diese Begegnungen real sind oder nur in ihrer Fantasie stattfinden.
Espen fragt sich, wie aus einem sehenden Mädchen eine Frau werden konnte, die nichts mehr sieht, oder wie aus einer, die sprechen konnte, eine Sprachlose wurde. Sie spürt, dass sie Schuld auf sich geladen hat, doch weiß sie nicht, welche. Gleichzeitig kennt sie Antworten auf Fragen, die ihre stets müde Mutter nie stellt. Einige Ausdrücke wie „sie begriff es nicht“ wiederholen sich häufig im Roman, den die Autorin teils in äußerst abstrakten Sätzen verfasst hat, etwa: „Mutter, ach Mutter, die Zeit nie wird sie wissen, wie die Freude zu finden ist die Freude ist der Tod.“
Rückblenden und symbolische Bilder
Übergangslos wechselt Beile Ratut immer wieder in die Vergangenheit, als Espen noch ein siebenjähriges Mädchen war. Aus Andeutungen – etwa wie sie symbolisch eine Tür geschlossen hält, um sich in eine Scheinwelt zu flüchten – lässt sich nur erahnen, was in dem vornehmen Haus ihrer Eltern nachts geschieht, während am Tag der Schein einer heilen Welt aufrechterhalten wird.
Kobalt, der in einem Turm wohnt, „gibt dem Kind die Lügen und Enttäuschungen“, womit er sie „in die Vernichtung“ führt. Wiederholt trifft sich Espen mit Lammarck, der sie als Liebhaberin verleugnet und ihr ebenfalls keine Hilfe ist.
Ein literarisches Meisterwerk
Beile Ratut hat mit dem Roman Nachhall* ein literarisches Meisterwerk geschaffen. Obwohl der Roman fast 500 Seiten umfasst, bietet er wenig von dem, was gemeinhin als Handlung bezeichnet wird. Vielmehr geht es um Menschenwürde und darum, wie Menschen schlimme Erfahrungen verdrängen – und erst dann davon befreit sind, wenn sie wie Espen den letzten Schritt wagen und sich ihrer Vergangenheit stellen.
Neben der finnischen Autorin, die im Übrigen auf keine Übersetzung ihrer Romane angewiesen ist, verdient auch das Lektorat von Gabriele Pässler großes Lob.
Nachhall von Beile Ratut

Ruhland Verlag 2014
Hardcover mit Schutzumschlag
485 Seiten
ISBN 978-3-88509-105-9