
Ein Neuanfang wider Willen
Mo lebt mit seinen Eltern, seinem älteren Bruder Faris und seiner erst dreizehn Jahre alten Schwester Maryam in Wien; die Geschwister müssen sich ein Zimmer teilen. Nach einem Eklat muss er die Schule verlassen und weigert sich, auf Drängen seiner Mutter etwas zuzugeben, das er nicht getan hat. Durch einen Tipp seiner Schwester bewirbt er sich – in billiger Jeans und einem vom Vater geliehenen Mantel – bei einem piekfeinen Friseurladen um eine Ausbildungsstelle. Er kann sein Glück kaum fassen und erhält bei Meister Franz den begehrten Ausbildungsplatz.
Erste Irritationen und leise Gefühle
Als Mo sich mit einem Foto für eine Fotostrecke beteiligen soll, ist er drei Wochen später auf dem Cover einer Zeitschrift zu sehen. Während Maryam ganz hingerissen ist, kommentiert sein Bruder dies nur mit „Scheiß-Schwuler“, woraufhin der Vater ihn rügt: Keiner seiner Söhne würde eine solche Schande über die Familie bringen. Beim Anblick zweier männlicher Kunden in eleganter Kleidung fühlt Mo „etwas Unerklärliches, etwas wie Neid“, nachdem der eine seinem Partner einen Kuss gegeben hat.
Begegnung mit Moritz
Auf dem Opernball darf Mo frisieren und die Frisuren der „höheren Töchter“ an deren Krönchen anpassen. Er hat nur Augen für einen Tänzer im Frack, und als dieser von ihm frisiert werden will, erfasst Mo ein heftiger Schwindel. Nachts träumt er von dem Lächeln des Tänzers, und in seinem Bauch „fliegen Schmetterlinge“. Schon fürchtet er, ihn nie wiederzusehen – und ist überglücklich, als dieser eines Tages vor dem Salon auf ihn wartet. Wie sich herausstellt, wird Moritz ebenfalls nur Mo genannt; in einem Kaffeehaus tauschen sie ihre Nummern aus.
Geheimnisse, Lügen und eine gefährliche Entdeckung
Seinen Eltern kann Mo unmöglich von Moritz erzählen – zumal dieser auch noch Jude ist, über die zumindest Faris verächtlich spricht. Den einzigen Ausweg sieht Mo darin, seine Eltern zu belügen, was ihn jedoch innerlich wütend macht. Als Faris plötzlich verschwindet, versucht Mo mit Hilfe von Moritz, Zugriff auf dessen Laptop zu erlangen. Nachdem sie endlich das Passwort geknackt haben, stellen sie mit Entsetzen fest, dass Faris einen Anschlag auf ein Konzert von Taylor Swift plant, zu dem auch Maryam gehen möchte. Soll Mo seinen Bruder verraten? Was wäre die Konsequenz dessen – und was, wenn er es nicht tut?
Andeutungen einer traumatischen Vergangenheit
Julya Rabinowich macht in ihrem Jugendbuch Mo & Moritz nur Andeutungen darüber, was in der Vergangenheit geschehen ist. An mehreren Stellen ist zu lesen, dass Mo im Unterschrank unter der Spüle Zuflucht gesucht hat – und dass aus Majad von diesem Zeitpunkt an Mo wurde. Es war Krieg: Sein Vater wurde überfallen, und weil er seine Kinder nicht verraten wollte, wurde seine Hand zerquetscht. Als Faris ihm zu Hilfe kommen wollte, muss auch ihm Schlimmes widerfahren sein. Vom Leben enttäuscht fühlt sich Faris von allen verachtet; er hat weder Geld noch Ehre mehr.
Armut, Flucht und Fremdheit
Woher die Familie geflohen ist, bleibt unklar. Auch über das genaue Alter der beiden Jungen erfährt man nichts Konkretes – außer, dass Mo noch nicht volljährig, also unter achtzehn Jahre alt ist. Die Armut der Familie wird an vielen Textstellen deutlich: Mos Mutter kommt mit abgetretenen Schuhen und schiefen Absätzen zum Friseurladen, und die Pflegeprodukte, die Mo für sie als Modell verwendet, sind so teuer wie eine große Mahlzeit plus ein Abendessen für die ganze Familie.
Sprache, Identität und zwei Welten
Die Autorin bedient sich einer bildhaften Sprache, wenn sie beispielsweise schreibt, dass „die Schichten des Schweigens vor sich hin wuchern“. Zur Überraschung von Moritz war für Mo der Begriff „Holocaust“ völlig unbekannt; er wusste nichts von den Millionen von Nazis ermordeter Juden. Mo ist zwischen zwei Welten hin- und hergerissen: der Welt seiner Eltern und der seines Meisters Franz, für den alle Menschen gleich viel wert sind – der verständnisvoll ist und gut gemeinte Ratschläge gibt.
Liebe, Selbstfindung und Mut
Mo erlebt mit Moritz magische Momente; ihre Berührungen sind zart und behutsam. Vieles ist ihm peinlich, und bei Komplimenten errötet er. Allmählich öffnet er sich für eine neue, „womöglich bessere Welt“ und stellt fest, dass Moritz’ Eltern ganz anders sind als seine eigenen.
Das sehr einfühlsame und empfehlenswerte Jugendbuch richtet sich an Leserinnen und Leser ab etwa vierzehn Jahren und ist ein Plädoyer für das mutige Einstehen für die eigenen Überzeugungen – und für gleichgeschlechtliche Liebe.
