Eigentlich könnte die siebzehnjährige Tessa glücklich sein, denn sie ist nicht nur eine exzellente Schülerin, sondern auch noch sportlich und musisch begabt. Obwohl sie seit ihrer Kindheit immer viel krank war, weiß sie doch erst seit einigen Wochen, dass sie aufgrund eines Herzfehlers sehr bald sterben muss. Seitdem verbringt sie die meiste Zeit in ihrem Zimmer und wartet quasi auf den Tod. Ihre Gedanken kreisen darum, dass sie niemals einen Führerschein besitzen wird oder eine Uni besuchen kann und schließlich als Jungfrau sterben wird.

Ihre Stimmung ändert sich jedoch schlagartig, als sie erneut auf den Jungen trifft, den sie vor fünf Monaten in einer U-Bahn gesehen hat und der ihr nicht mehr aus dem Kopf geht. Tessa, die davon überzeugt ist, wegen ihrer Operationsnarben für jeden Mann völlig unattraktiv zu sein, ist verwundert, dass sich Oskar offensichtlich für sie interessiert. Als sie ihm gesteht, noch Jungfrau zu sein, glaubt er ihr zunächst nicht und zeigt sich umso betroffener, als er von ihrer Krankheit und dem nahen Tod erfährt. Unvermittelt macht er ihr ein überraschendes Angebot und will ihr einen Sommer in Italien schenken. Tessa scheut den Eklat mit ihren Eltern nicht und ist entschlossen, bereits am nächsten Tag mit ihm aufzubrechen, denn Oskar will ihr Freund sein, den sie zum Sterben braucht. Doch bevor es so weit ist, will Oskar seine Krabbe, wie er sie nennt, zum Lachen bringen. Sie soll ihre Sorgen gegen wundervolle Momente austauschen und leben!

Auf sehr gefühlvolle Weise nimmt sich Anne Freytag in ihrem Jugendroman Mein bester letzter Sommer einem ganz sensiblen Thema an. Sie schreibt in realistischer Weise von den Gedanken, die sich die junge Tessa macht, von ihren Ängsten und auch ihrer Eifersucht, die sie bei der Vorstellung befällt, wie Oskar nach ihrem Tod ein anderes Mädchen küssen wird. Die Autorin hat die Problematik aber nicht nur aus der Sichtweise der Sterbenskranken beleuchtet, sondern macht dem Leser auch klar, in welcher „Zwickmühle“ sich Tessas Eltern oder ihre Schwester befinden und vor allem, wie schwer es für Oskar ist, der selbst seinen besten Freund um Beistand bitten muss.

Mit Oskar reist Tessa zum Gardasee, besucht Mailand, Florenz und Rom und verbringt dort die glücklichsten Stunden ihres Lebens, wenn sie unter der südlichen Sonne ein Eis schlecken, am Strand eine Pizza essen oder in den nächtlichen Sternenhimmel blicken. Dank der sehr anschaulichen Beschreibungen von Anne Freytag kann sich der Leser eine Fahrt, bei der Oskar seine „Krabbe“ in einem Einkaufswagen durch Mailand schiebt, vorbei an staunenden Passanten, gut vorstellen. In solchen Momenten, in denen Tessa das Leben genießt, ist sie sicher. Das ist Mein bester letzter Sommer!

Anne Freytag lässt ihre Protagonistin in der Ich-Form erzählen, womit sie deren Gefühlswelt viel deutlicher zum Ausdruck bringen kann. Lediglich auf den letzten Seiten verkehrt sich das und Oskar berichtet aus seiner Perspektive. Über ihn erfährt der Leser lediglich, dass er neunzehn Jahre alt ist und ein ihn quälendes Geheimnis hütet. Eine Altersempfehlung ab vierzehn Jahre für diesen Gefühle aufmischenden Roman scheint doch etwas unangemessen. Ab sechzehn Jahre wäre es passender, allein schon wegen des Alters der Protagonisten.

Dass Tessa, wie sie Oskar erklärt, keine Lungenschlagader besitzt, ist eher zweifelhaft. Sie kann falsch angelegt, also an der falschen Herzkammer angeschlossen sein, aber nicht völlig fehlen. Und bei der operativen Verlegung würde die Blutgruppe auch keine Rolle spielen. Doch was auch immer nach der Vorstellung der Autorin zum Tod der Protagonistin führen soll: Der wundervolle Roman macht deutlich, dass wir keinen Tag in unserem Leben verschwenden sollten, weil es für jeden von uns immer auch der letzte sein könnte. Wir sollten uns dessen bewusst werden und jede Minute auskosten. Diese Empfehlung bezieht sich im Übrigen auch auf das Buch, selbst wenn uns wie Oskar am Schluss heiße Tränen über das Gesicht laufen.

Anne Freytag, Mein bester letzter Sommer, Heyne Verlag 2016, Hardcover mit Schutzumschlag, 367 Seiten, ISBN 978-3-453-27012-1, Preis: 14,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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