Das Buch Jenseits von Feuerland von Carla Federico ist der zweite Teil einer Chile Saga, nach dem erfolgreichen Erstling Im Land der Feuerblume. Die Geschichte des historischen Romans spielt bei genauerer Betrachtung aber nicht in Feuerland, sondern in der Region, welche gegenüber des Archipels liegt – und zwar in Patagonien. Patagonien ist eine windige, einsame, archaische und raue Gegend. Und genau dorthin flüchten zwei Frauen, Rita und Emilia vor ihrer Vergangenheit.

Der Roman wirft den Leser mit einer Verfolgungsszene direkt in das Geschehen. Eine Frau flüchtet vor bewaffneten Reitern. Es ist eine Hetzjagd auf Leben und Tod. Was man zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Rita – so heißt die Flüchtende – ist Tochter einer Weißen und eines Mapuche-Indianers. Im Chile jener Zeit herrscht eine strikte ethnische Trennung und ein brutaler Rassismus macht Indigene und auch Mischlinge wie Rita zu Verfolgten. Rita ist aus ihrem Dorf geflohen, wo sie als einzige ein Massaker überlebte – verübt von den chilenischen Soldaten, die erbarmungslos die Nicht-Weißen Völker ausrotten möchten. Das passiert teilweise auch aus einer Art Abstoßungsprozess des Neuen, also gegen die Bildung einer gesamtchilenischen Gesellschaft aller dort lebenden Volksgruppen. Die spanisch geprägte Mehrheitsgesellschaft reagiert in Teilen – wie es in solchen Fällen häufig vorkommt – mit noch stärkeren Ressentiments und mit einem Rückfall in besonders barbarische Verhaltensweisen auf den Zeitenwandel, auf den Übergang zur Moderne, Ende des 19. Jahrhunderts.

Rita ist nicht die einzige Fremde im eigenen Land. Auch Emilia, die zweite Hauptfigur befindet sich auf der Flucht. Sie ist Tochter von deutschen Einwanderern, die im 19. Jahrhundert vermehrt nach Chile auswanderten. Noch heute lassen sich in vielen Ortschaften und Städten Chiles viele Zeugnisse einer deutschen Tradition oder Kultur finden. Dieser neue Einwandererstrom verstärkte auf Seiten der spanisch geprägten ehemaligen Kolonialisten noch die unwillkürlichen feindseligen Reaktionen, deren tiefer liegender Grund lediglich Angst vor dem Fremden, im weiteren Sinne vor Veränderung – also im Prinzip ein zutiefst konservativer Reflex – darstellte. Emilia hat ein dunkles Geheimnis in ihrer Familiengeschichte enthüllt, welches ihre Welt so gravierend durcheinanderbringt, dass sie als Konsequenz nur noch die Flucht sieht.

So unterschiedlich wie die zwei Frauen auch sind – sowohl von ihrer Herkunft, als auch von ihren Problemen – es vereint sie die Flucht durch das sturmgepeitschte Patagonien. Hier kristallisiert sich eine gewichtige Aussage der ganzen Geschichte heraus: Unterschiede oder Gemeinsamkeiten entstehen nicht durch Hautfarbe oder Abstammung, sondern liegen ganz oft einfach in Situationen und Umständen begründet, denen man sich als Individuum nicht erwehren kann, ihnen aber bedingungslos ausgeliefert ist.

Unabhängig davon handelt es sich bei Jenseits von Feuerland um ein durchaus gelungenes, solides Historiendrama, das trotz der Neigung seines Genres, in Kitsch und Plattitüden abzudriften, ein stringentes und realistisch wirkendes, spannungsgeladenes Werk bleibt und fesselnd die Geschichte zweier mutiger Frauen erzählt. Als unterhaltsame Lektüre für den späten Sommerurlaub auf jeden Fall zu empfehlen!

Carla Federico, Jenseits von Feuerland, Knaur Verlag 2011, Taschenbuch, 768 Seiten, ISBN 978-3-426-50440-6, Preis: 9,99 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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