Hybride Bedrohung im Schatten Europas – ein Politthriller, der wachrüttelt

Cover von Im Sog der Zersetzung von H. Dieter Neumann

Warum dieser Roman nicht in große Verlagsprogramme passt – und gerade deshalb gelesen werden sollte

Wie H. Dieter Neumann in einer Randnotiz zu seinem Politthriller Im Sog der Zersetzung feststellt, wollen Leser „nicht mit allzu realistischen Szenarien … belästigt werden“. Genau deshalb, so schreibt er, hätte sein beachtenswerter Roman kaum in das Programm eines großen deutschen Verlages gepasst. Doch wer sich nicht von heiler‑Welt‑Geschichten einlullen lassen möchte und angesichts zweifelhafter Sicherheitsgarantien der NATO durch die USA im Ernstfall beunruhigt ist, wird diesen „vor einem sehr realen Hintergrund spielenden“ Roman über den „hybriden Krieg, den Russland immer entschlossener … führt“, mit großem Interesse verfolgen.

Ein Reporter zwischen Trauma, Wahrheitssuche und tödlicher Gefahr

Carlo Reinardy, der 2020 als Kriegsreporter in Syrien arbeitete und sich nach einem Burnout in die schwedischen Schären zurückgezogen hat, plant, in drei Tagen mit seiner Segelyacht Jonna ins Mittelmeer aufzubrechen. Doch kurz nach einem Einkauf erreicht ihn ein Anruf von Fine Jeppesen, der Lebensgefährtin seines ehemaligen Kollegen Jesper Nilsson: Jesper sei nach einem Journalistenkongress in Hamburg tot aufgefunden worden. Die Polizei gehe aufgrund eines hohen Blutalkoholwertes von einem Sturz vom Hotelbalkon aus. Fine jedoch ist sicher, dass Jesper seit über einem Jahr trocken war.

Carlo verspricht, zur Seebestattung nach Aarhus zu kommen – der Ort liegt ohnehin auf seiner geplanten Route. Dort erfährt er, dass der Kongress sich mit „Künstlicher Intelligenz im Zusammenhang mit russischen Desinformationskampagnen“ und hybrider Kriegsführung befasst hat. Fine berichtet, Jesper habe an einer höchst brisanten Recherche gearbeitet. Carlo, der wegen eines Schadens an seiner Yacht ohnehin auf Ersatzteile warten muss, kann ihre Bitte, die Todesumstände aufzuklären, nicht ausschlagen. Sein alter Reporterehrgeiz flammt wieder auf.

Spuren, die nach Hamburg führen – und zu einem ungeheuerlichen Verdacht

Zur Recherche reist Carlo nach Hamburg, wo er seinen Schulfreund Carsten Cranz trifft, inzwischen Leitender Kriminaldirektor beim LKA. Nach einem Gespräch mit der ermittelnden Beamtin Lina Schneider beschleicht Carlo das Gefühl, dass an der offiziellen Version etwas nicht stimmt. Dieser Verdacht erhärtet sich, als kurz nach einer aufschlussreichen Befragung eine weitere Person zu Tode kommt – ein Zufall, der keiner sein kann.

Eine weitere Spur führt zu der britischen Reporterin Summer Bennet, die Carlo aus früheren Einsätzen kennt. Umso alarmierender ist es, dass sie ausschließlich über ein nicht registriertes Prepaid-Handy mit Umleitung über Barbados kommunizieren will. Auf seiner Yacht bietet Carlo ihr schließlich einen sicheren Ort, um das investigative Projekt zu vollenden, an dem bereits Jesper gearbeitet hatte – ohne zu ahnen, in welcher Gefahr beide schweben.

Vergangenheit, Verlust und die Narben des Krieges

Neumann beginnt seinen Thriller mit vier Jahre zurückliegenden Ereignissen in Syrien, wo Carlo in Idlib beinahe bei einem russischen Bombenangriff ums Leben gekommen wäre. In Rückblicken erfährt der Leser von den Jahren danach: Carlo lehnt weitere Reportagen ab, begibt sich wegen posttraumatischer Belastungsstörungen in Therapie, findet als stellvertretender Leiter einer Politikredaktion einen neuen Job – und verliert seine geliebte Jonna viel zu früh an Krebs. Der gemeinsame Traum, mit der gleichnamigen Yacht das Leben zu genießen, endet abrupt.

Realismus, Fachwissen und politische Brisanz

Neben atmosphärischem Lokalkolorit – selbst auf der kleinen Insel Anholt, was auf Insiderwissen des Autors schließen lässt – überzeugt Neumann mit fundierten Segeltermini und präzisen Beschreibungen des Bootsverhaltens bei Seegang. Im Plot tauchen die russische Agentur Rossotrudnitschestwo, Propagandainstrument des Putin-Regimes, sowie Hinweise auf Giftanschläge des 1995 gegründeten FSB auf, der nach dem Zerfall der Sowjetunion den KGB ablöste.

Längst sind „Cyberangriffe auf sensible öffentliche Einrichtungen in westlichen Ländern“ keine Ausnahme mehr; entsprechende Meldungen häufen sich täglich. Das Internet wird „durch die Verbreitung von Verschwörungsnarrativen im Sinne des Kremlchefs und seiner Herrschaftsziele“ manipuliert – mit spürbaren Auswirkungen auf die öffentliche Meinung. Neumann macht in seiner Randnotiz unmissverständlich klar, dass Russland bereits einen „immer entschlossener und mit immer wirksameren Mitteln – darunter geschickte Propagandamaßnahmen und perfide Desinformationskampagnen“ geführten hybriden Krieg „gegen die freiheitlichen Gesellschaften Europas“ betreibt.

Ein Roman, der nicht beruhigt – sondern aufrüttelt

Es ist höchste Zeit, wach zu werden, der Realität ins Auge zu sehen und neben seichten Romanen auch einmal ein Buch zur Hand zu nehmen, das sowohl spannend als auch weltpolitisch relevant ist.

Mit einem Wort: Chapeau!

Im Sog der Zersetzung von H. Dieter Neumann

Cover von Im Sog der Zersetzung von H. Dieter Neumann
Engelsdorfer Verlag 2026
Taschenbuch
325 Seiten
ISBN 978-3-690-95106-7

Bildquelle: Engelsdorfer Verlag


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