Nachdem Estelle Miroux als Siebzehnjährige ihre südfranzösische Heimat verlassen hat, kehrt sie achtzehn Jahre später nach Argelès-sur-Mer zurück, weil sie das kleine Hotel Auberge von ihrer Großmutter geerbt hat. Aber nicht nur für sich selbst hofft Estelle auf einen Neuanfang, sondern auch für den fast volljährigen Noah, den sie seit dem Tod seiner Mutter umsorgt. Von ihrer Großmutter findet sie ein Notizbuch, in dem diese von einer Schuld am Leben ihrer Enkelin spricht. Doch Estelle sieht keinen Zusammenhang, denn Anlass für ihre Flucht nach Heidelberg war ein traumatisches Erlebnis, das nichts mit ihrer Großmutter zu tun haben kann, für das sie aber vier Männer verantwortlich macht: Matthieu Clereau, Patrick Dugout, Yves Cousteau und Jérôme Lafayette. Ein beauftragter Privatdetektiv soll alles über sie in Erfahrung bringen.

Als Estelle von einer Beziehung ihrer Schwester Emily ausgerechnet zu einem der Männer erfährt, ist sie tief bestürzt, und auch eine sich entwickelnde Freundschaft zwischen Noah und einem Mädchen kann sie nicht akzeptieren. Wenigstens wird die Auberge nach gründlicher Renovierung von den Gästen gut angenommen und auch mit ihren Nachbarn Tom und Caroline freundet sich Estelle schnell an. Sie ist besonders dankbar darüber, dass Tom sie handwerklich unterstützt. Doch das missfällt Caroline zunehmend, nachdem sie, die als Capitaine bei der Police Nationale arbeitet, Zeuge einer von Estelle ausgesprochenen Morddrohung einem Mann gegenüber wurde, der kurz darauf ermordet aufgefunden wird. Rätsel gibt den Ermittlern ein dem Toten in die Stirn eingeritztes Datum auf, und es bleibt auch nicht bei diesem einen Mordopfer, wobei Caroline auch dieses Mal auf eine Verbindung zu Estelle stößt.

Silke Ziegler versteht es meisterhaft, in ihrem Kriminalroman Im Angesicht der Wahrheit das Interesse des Lesers von Anfang an auf den weiteren Handlungsverlauf zu wecken. Ihm ist lediglich bekannt, dass etwas Schreckliches im Leben von Estelle geschehen ist und dass es um Rache geht. Doch die Autorin lässt nichts über den Mörder durchsickern und vermeidet Andeutungen darüber, wer von dem vor achtzehn Jahren stattgefundenen Ereignis Kenntnis aufgrund des in die Stirn eingeritzten Datums haben muss. Außerdem spielt sie mit dem Leser, indem sie ihn durch geschickte Formulierungen auf falsche Fährten lockt.

Interessant ist die in den Plot eingebaute Lebensgeschichte der verstorbenen Großmutter, die ihrer Enkelin ihr Schicksal anvertraut. Unter anderem geht es um Veränderungen, die Menschen während eines Krieges durchmachen und die ihren Kindern häufig nicht bewusst sind. Diese Lebensbeichte sorgt für zusätzliche Spannung, denn immer an den entscheidenden Stellen macht die Autorin einen Schnitt und geht zum aktuellen Geschehen über, das zwischen der Ermittlungsarbeit von Caroline, den Rückfragen von Estelle beim Detektiv oder den auftretenden Spannungen zwischen ihr und Noah wechselt.

Wenn anfangs auch das Gefühl von überhand nehmenden Zufällen überwiegt und sich Puzzlestücke zu leicht fügen, so sind sie doch ein notwendiges Mittel für die meisterhaft umgesetzte Story, die sich durchaus in einem Leben so abspielen könnte und damit realistischen Charakter hat. Für den Leser völlig unerwartet, schlägt der Mörder zu, und nicht nur einmal überraschen ihn Neuigkeiten und Wendungen, die alles in einem anderen Licht erscheinen lassen. Der ausgeklügelte Kriminalroman Im Angesicht der Wahrheit trägt die unverkennbare Handschrift von Silke Ziegler, die auch dieses Mal auf ihr bewährtes Muster von Spannung und gefühlvoller Schilderung zurückgegriffen hat, was besonders Frauen ansprechen dürfte.

Silke Ziegler, Im Angesicht der Wahrheit, Grafit Verlag 2017, Taschenbuch, 507 Seiten, ISBN 978-3-89425-491-9, Preis: 13,00 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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