Ich war im Sarkophag von Tschernobyl von Anatoly N. Tkachuk

Ich war im Sarkophag von Tschernobyl
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Ich war im Sarkophag von Tschernobyl von Anatoly N. Tkachuk beginnt mit düsteren Horrorszenarien eines Atomkrieges. Es ist die Rede von Spionagetätigkeiten zwischen der UDSSR und den USA, wobei der Autor selbst KGB-Spion war und hier mit der Person Andrey identisch ist. Berichte über Inspektionen der Testgelände nach Atomwaffenerprobungen machen das Ausmaß und die verheerenden Schrecken deutlich.

An dem denkwürdigen Datum 24. April 1986 kommt es zu einer Reaktorkatastrophe. Zum Verständnis der lauernden Gefahr führt Tkachuk die Merkmale der Alpha-, Beta- und Gammastrahlung auf und geht auf die Problematik ein, dass man die Strahlung nicht hören oder sehen kann. Wie soll die zu evakuierende Bevölkerung von der Gefahr überzeugt werden? Denn selbst die Pässe und das Geld sind verseucht und müssen zurück bleiben. Welche Vorsichtsmaßnahmen müssen beim Verlassen der 30 bzw. 10 km Zone eingehalten werden? Hunderte Lastwagen, ganze Züge, Hubschrauber und Motorschiffe landen auf den Friedhöfen und erst in neuerer Zeit hat man sich dieser Problematik angenommen.

Und die Liquidatoren? Um sie einigermaßen zu dekontaminieren, müssen Duschvorschriften erlassen werden. Wie sieht ihr Leben in der Gefahrenzone aus? Sie kämpfen mit unvorstellbaren Ängsten und wissen doch, dass sie handeln müssen. Denn niemand weiß, was sich unter dem schnell errichteten Sarkophag zusammenbraut. Sollte sich der Nuklearbrennstoff durch das Fundament brennen, wäre der größte Teil Europas unbewohnbar, so die Befürchtung. Obwohl sich alle bewusst sind, dass die Spezialisten dem sicheren Tod entgegen gehen, wenn sie sich in die tödliche Strahlenquelle begeben, gibt es doch keine Alternative. So unglaublich das auch einer aus den USA angereisten Regierungskommission erscheint, aber es finden sich vier Freiwillige, die ihr Leben opfern wollen, um das Tausender zu retten. Unter ihnen der Autor selbst. Er beschreibt seine letzten schrecklichen Tage vor dem Gang ins Innere des Sarkophags und den genauen Ablauf der halbstündigen Verweildauer. Er ist der einzige, der das überlebt hat und hat all seine Gedanken, Gefühle und Empfindungen in dem vorliegenden Bericht niedergeschrieben.

Bis heute spielen sich im Innern radioaktive Prozesse ab und die Halbwertszeit der Strahlung beträgt Tausende von Jahren. Zum Ende wird in Ausschnitten aus Zeitungsberichten vermerkt, dass erst 2009 die Stützmauern eine Verstärkung erhalten haben, um zu verhindern, dass die Brennmasse durch einen Einsturz zerstört wird, sich in eine kritische Masse verwandelt und so eine spontane Kettenreaktion ausgelöst werden kann. Zusätzlich werden Tkachuks Schilderungen mit ausreichend Bildmaterial unterstrichen.

Nach wie vor ist nicht geklärt, ob der Unfall absichtlich herbeigeführt worden sein könnte. Darauf sollen Geheimdiensttätigkeiten hinweisen, die vor dem Störfall in und um Tschernobyl stattgefunden haben und ebenso sollen Erdstöße bereits 25 Sekunden vor dem Unfall registriert worden sein. Sogar von Ausfallerscheinungen und Schwächezuständen 10 Minuten vor der Katastrophe weiß Tkachuk zu berichten.

Langsam und vorsichtig führt Anatoly N. Tkachuk den Leser in Ich war im Sarkophag von Tschernobyl an das eigentliche Grauen. Wenn schon die Explosion einer Rakete, die auf einen Konstruktionsfehler zurückzuführen war, das furchtbare Leid und den Kummer der Betroffenen aufzeigen konnte, ist das, was nun im Zusammenhang mit dem Reaktorunfall folgt, mit Worten nicht mehr auszudrücken. Gebannt und teilweise gelähmt liest man Seite für Seite. Die eigenen Gefühle beim Lesen kann man mit fassungslos, mitfühlend, kopfschüttelnd nur unzureichend wiedergeben. Man empfindet grenzenlosen Respekt und Achtung vor dem Mut derer, die wussten, worauf sie sich einließen und auch vor denen, die es nur geahnt haben. Durch den Wechsel von sachlicher Berichterstattung zu direkten Reden der damals beteiligten Personen (wobei sämtliche Namen verändert wurden) geht das Ausmaß der Katastrophe erst so richtig unter die Haut. Tschernobyl ist ein Mahnmal an alle Völker und es bleibt im Interesse aller Menschen zu hoffen, dass das neuerliche Unglück in Japan das letzte war, das in unsere Geschichtsbücher Einlass findet. Sonst gibt es vielleicht niemanden mehr, der sie lesen kann.

Anatoly N. Tkachuk, Ich war im Sarkophag von Tschernobyl, Styria Verlag 2011, Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-222-13337-4, Preis: 24,95 Euro.

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10 Gedanken zu “Ich war im Sarkophag von Tschernobyl von Anatoly N. Tkachuk

  1. Hallo Beatrix,
    neue Arche *lach* seit jahren will man ihn erneuern und? NICHTS passiert ausser Laber Blubber Sülze… naja es muss wohl erst wieder was passieren… bis man handelt. Aber Gelder machen mit einer Katastrophe… allein die Touristen was da ein und aus gehen… wo geht denn das ganze Geld hin? Aber für ein neuen Sarkophag hat man KEIN Geld schon klar… es hat alles mal irgendwann ausgedient!
    So viel dazu!

  2. Hallo Unbekannter, natürlich hast du recht. Es ist immer kein Geld vorhanden und es werden allerlei Gründe vorgeschoben. Das Kind muss erst in den Brunnen fallen und dann will keiner davon gewusst haben. Alle waschen sie dann ihre Hände in Unschuld. Aber immerhin: man will das Ding auf absehbare Zeit fertiggestellt haben. Wir werden allerdings alle nicht mehr erleben, was es nutzen wird oder im schlimmsten Fall auch nicht.

  3. Hu,hu
    ja schön das tatsächlich einer Antwortet… ja ich finde es echt schlimm… es ist Traurig warum muss immer erst das schlimmste Geschehen? um das man Handelt aber für Sinnlossachen hat man ständig GELD..Sachen die nicht nötig sind die echt zeit haben daaaaaa hat man schnellst DNS Geld 🙁 Dieser Sarkophag hat seine zeit hinter sich… er hat lange genug gedient! und das wo er so schnell erbaut wurde und so schnell wie er erbaut wurde sage ich HUT ab! das Teil hat seine Leistung erbracht! anstatt ständig Geld in Reparatur reinzustecken sollte man zusehen den neuen Shellder schnellst DNS zu Bauen… Es Freut mich wenn Leute NICHT wegsehen und mit Reden… wie gern würde ich wenn ich das Geld hätte wie GERN würde ich helfen!
    WIE gern… Ob Chernobyl, Japan, es ist und war wieder einmal Menschliches Versagen 🙁 Und viel schlimmer das man daraus ein Freizeitpark macht… und auch Gelder einnimmt… dort hat NIEMAND etwas zu suchen der nicht da arbeitet oder aus was auch immer für WICHTIGEN Gründen hin muss… meine Meinung…

    Beste grüße…
    http://www.youtube.com/watch?v=NJRF4_uEo2M

  4. Ja ach und es geht noch Perverser – wir verkaufen schon Auszeichnung, von denen die in Tschernobyl ihr Leben lassen mussten… oder wir entwickeln Spiele genannt STALKER… ja was soll ich noch aufzählen? der Mensch ist so Leid es mir tut das sagen zu müssen NICHT mehr normal 🙁 Respektlos! Fand auch noch einmal ein Beitrag zum Thema – Sarkophag:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/tschernobyl__katastrophenmonument_touristendestination_1.5563098.html

  5. Das ist das Schicksal der wenigen noch „normalen“ Menschen, dass sie sich umgeben sehen von eben diesen nicht mehr normalen und respektlosen. Und dabei geht es hier gar nicht um die philosophische Frage nach Normalität. Ich habe deinen Ausführungen auch nichts mehr hinzuzufügen.

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