Hotel Weitblick von Renate Silberer

Hotel WeitblickDer ledige Dr. Marius Tankwart hat es bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahr weit gebracht. Nach einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium und seiner Promotion zählt er zu den besten Consultern in Österreich. Bevor er in drei Tagen zu einer Reise mit neuem Lebensziel nach Mexiko aufbricht, leitet er noch ein Auswahlverfahren, bei dem der nächste Geschäftsführer für eine Werbeagentur gesucht wird. Mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln reisen vier Kandidaten an: Horst Wienacher, deren Partnerin verärgert ist, weil er ausgerechnet an ihrem Jahrestag nicht bei ihr ist; Franz Seidlinger, der nicht versteht, warum sich seine Frau Sonja darüber beschwert, dass er an den Wochenenden so häufig weg ist, zumal ihre und der beiden Kinder Wünsche beträchtliche Summen verschlingen; Helmut Griegler, der viel Zeit im Fitnessstudio verbringt und gerne von sich als Marathonläufer spricht; schließlich als einzige Frau Annette Stumpner, die im ungünstigsten Moment unter Panikattacken leidet.

Am ersten Tag des Assessment-Seminars im „Hotel Weitblick“ stellt der Consulter den vier Kandidaten die erste Frage. Doch keiner gibt Marius Tankwart eine zufriedenstellende Antwort darauf, was sie sich unter „tschulpi“ vorstellen. Die weiteren Aufgaben irritieren die Teilnehmer zunehmend. Schließlich sind sie sich einig, dass das Auswahlverfahren für sie „völlig inakzeptabel“ ist und alle etwas anderes erwartet haben.

Um es vorweg zu sagen: Man findet keinen leichten Zugang zu dem Plot, denn Renate Silberer hat in ihrem anspruchsvollen Roman „Hotel Weitblick“ auf die Verwendung von Anführungszeichen bei der wörtlichen Rede verzichtet. Zudem lässt sie ihre fünf Protagonisten jeweils in der Ich-Form berichten, wenn sie nicht die Erzählform gewählt hat, was unmittelbar aufeinander folgen kann und den Leser fordert. Als weiteres stilistisches Mittel hat die Autorin gelegentlich schon hinter nicht ausformulierte Sätze einen Punkt gesetzt. Dies alles sind jedoch keine Kritikpunkte an ihrem Werk. Es soll lediglich verdeutlichen, dass es sich um einen Roman für eine ausgesuchte Leserschaft handelt.

In der Kernaussage geht es um den beruflichen Erfolg, den viele unter allen Umständen erzielen wollen. Wie ein Mantra bekräftigen die Möchtegern-Geschäftsführer, wie fleißig, anständig und erfolgreich sie sind und natürlich wollen sie sich gegenseitig ausstechen. Der Consulter, für den selbst noch in jüngster Vergangenheit nur der finanzielle Ruhm zählte, merkt schnell, dass seine Kandidaten nicht sehen wollen, was er ihnen vor Augen führt: Durch ihre Erziehung wurde ihnen ein bedingungsloser Gehorsam aufgezwungen, aus Jungen sollte ein „richtiger“ Mann werden, der keine Schwäche und schon gar keine Gefühle zeigen darf, während einer jungen Mutter genau diese Ziele anhand von Erziehungsratgebern „eingeimpft“ wurden. Dabei bezieht sich Renate Silberer mit eingebauten Zitaten auf das Buch „Die Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer aus dem Jahr 1987, das bezeichnenderweise vor dem Zweiten Weltkrieg noch den Zusatz „deutsche Mutter“ trug und die Entfremdung der Wöchnerinnen von ihren Säuglingen noch bis in die späten 1970er Jahre geprägt hat. In ihrem bedeutungsvollen und beachtenswerten Debütroman übt Renate Silberer auf provokante und spitzzüngige Weise unverhohlene Kritik an unserer Leistungsbereitschaft.

Hotel Weitblick von Renate Silberer

Hotel Weitblick
Verlag Kremayr & Scheriau 2021
Hardcover mit Schutzumschlag
240 Seiten
ISBN 978-3-218-01272-0

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Bildquelle: Verlag Kremayr & Scheriau
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