
Ein behütetes, aber kaltes Zuhause
Die achtzehnjährige Alice lebt mit ihrem Vater und dessen Ehefrau – einer ehemaligen Schauspielerin – in einer Villa mit Swimmingpool und einem großen Garten, den sie sich mit ihrem Großvater teilt. Dieser bewohnt die größere Villa nebenan gemeinsam mit einer Hausangestellten.
Eines Tages kommt mit Niko ein neuer Junge in ihre Klasse, in der man Alice – allen voran die boshafte Rosa – seit dem letzten Jahr das Leben zur Hölle macht. Nachdem sie von den anderen auf einer Wiese eingekreist wird, kommt ihr Niko überraschend zu Hilfe. Auf der Klassenfahrt erleidet Alice eine schmerzhafte Ohrentzündung und muss vorzeitig nach Hause. Umso erfreuter ist sie, als Niko plötzlich vor ihrem Haus steht, weil er sie vermisst habe und deshalb ebenfalls zurückgefahren sei.
Flucht in die Nacht
Als Alice von ihrem Vater zusammen mit Niko gesehen wird, gibt es daheim heftigen Ärger. Dieser „dahergelaufene Prolet“ habe sicher Drogenprobleme und wolle nur ihr Geld, weshalb ihr die Eltern den Umgang mit ihm strikt untersagen. Doch für Alice ist das Maß voll: Sie packt ihren Rucksack mit dem Nötigsten, während Niko um Mitternacht bei strömendem Regen auf sie wartet. Über ihr Handy droht ihr Vater, die Polizei zu rufen, worauf Alice entgegnet, sie werde in diesem Fall alles sagen. Vorübergehend kann sie bei Niko und seiner Mutter unterkommen, die jedoch bald darauf verlangt, dass sie wieder gehen müsse.
Leben ohne Regeln
Alice und Niko schmeißen die Schule, stehlen Frühstück und leben in den Tag hinein. Glücklich und sorglos fühlen sie sich wie in den Flitterwochen. Doch auf Dauer brauchen sie eine feste Bleibe und finden Zuflucht bei Nikos Kumpel Mick, der mit Natalia befreundet ist. In Micks Gesellschaft verändert sich Niko jedoch zusehends: Unter dem Einfluss von Bier wird er immer aggressiver. Dann geschieht ein schreckliches Unglück, und Alice muss abwägen, ob sie Niko verraten soll – oder damit leben kann, dass ein Unschuldiger für etwas büßen muss, das er nicht getan hat.
Eine gebrochene Familie
Julya Rabinowich lässt das Geschehen von ihrer Protagonistin in der Ich-Form erzählen. Schon im Prolog kristallisiert sich heraus, dass es ein Unglück gegeben haben muss, bei dem Niko verzweifelt brüllt und Alice Blut im Mund hat. Früh wird deutlich, dass Alice nicht in einer heilen Familie aufwächst: Ihr Vater wirft der Mutter vor, nur zu shoppen und „herumzuheulen“. Trotz ihrer Ohrenschmerzen muss Alice den tyrannischen und herrschsüchtigen Großvater besuchen, über den sie sagt, seine Macht heiße Geld. Niko erzählt sie, ihr Vater sei von ihm geschlagen und als „elender Versager“ beschimpft worden. An anderer Stelle wird im Roman deutlich, dass sich der Großvater im Krieg an den Juden bereichert hat.
Alte Welt, neue Welt
Nachdem Alice mit ärmeren Gesellschaftsschichten in Berührung kommt, beginnt sie, ihr Leben in eine alte und eine neue Welt zu unterteilen. Sie blickt kritisch auf die Kluft zwischen Natalia, die aus Tschetschenien stammt und in ärmlichen Verhältnissen lebt, sowie der kaum älteren Hausangestellten ihres Großvaters, der eine Schulbildung verwehrt wurde – und andererseits auf Menschen, die ein sorgenfreies Leben genießen können. Als sie den „Geschmack der Rebellion auf der Zunge“ spürt, hat sie „genug vom Schweigen, vom Lügen, Weinen, Täuschen und Schauspielern“.
Ein kluger erzählerischer Kunstgriff
Unterbrochen wird der Text durch kursiv gedruckte Abschnitte, in denen ebenfalls in der Ich-Form berichtet wird – jedoch aus der Perspektive einer Beobachterin der aktuellen Szene. Erst im Laufe der Handlung wird dem Leser diese Rolle verständlich, womit der Autorin ein kluger Schachzug gelingt.
Überhaupt verlangt das für einen Jugendroman ungewöhnlich anspruchsvolle Buch, zwischen den Zeilen zu lesen; ein Mindestalter von vierzehn Jahren erscheint daher angemessen. Bis zu den letzten Seiten versteht es Julya Rabinowich, den Leser mit immer neuen Überraschungen an die Handlung zu fesseln und lüftet erst am Ende ihres grandiosen Werkes das Geheimnis um Alices Mutter, unter dem die Familie so viele Jahre gelitten hat.
Hinter Glas von Julya Rabinowich

Carl Hanser Verlag 2019
Hardcover mit Schutzumschlag
208 Seiten
ISBN 978-3-446-26218-8