Elsa Neubauer hat von ihrem Mann Erich, der in den Krieg gezogen ist, lange nichts gehört. Als sogenannte Hausschwangere soll sie in der Klinik zu Lehrzwecken vor Studenten und Hebammen unter menschenunwürdigen Bedingungen ihr Kind gebären und flieht deshalb in das Privatzimmer zu Hilde Lemberg. Beide Frauen bringen am 7. Mai 1945 in München eine Tochter zur Welt. Die aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Hilde kann ihren Mann Friedrich überreden, die obdachlose Elsa in ihrem Haus aufzunehmen. Die beiden Kinder Marion und Hannelore wachsen gemeinsam auf und schwören sich ewige Freundschaft. Nach jahrelangem Hoffen kommt Elsas Mann aus russischer Gefangenschaft zurück, doch hat er sich verändert und findet nur schwer eine Arbeit.

Marion wächst trotz der Berufstätigkeit ihrer Mutter in ärmlichsten Verhältnissen auf und muss im Haushalt mithelfen. Als ihr strenger Vater nach Beendigung der Schule von ihr Kostgeld verlangt, beginnt sie notgedrungen eine Lehre, bei der sie jedoch nur ausgenutzt wird. Sie träumt von einer Karriere als Modeschöpferin, kann eine Vergewaltigung nicht verhindern, arbeitet in einer Bar und glaubt den Versprechungen eines Fotografen. Moon, wie sie von allen genannt wird, lebt in einer Kommune und steigt zu einem gefragten Model auf, doch spielt ihr das Schicksal immer wieder übel mit und sie muss Demütigungen ertragen.

Hannelore hingegen strebt mit Unterstützung ihrer Eltern ein Studium an und will Anwältin werden. Sie verliebt sich in den angehenden Staatsanwalt Robert, der seiner Lore die Ehe verspricht. Doch der zweiundzwanzigste Geburtstag der beiden Frauen setzt mit dem Beginn einer Liebe eine Kettenreaktion in Gang, die zum Zerwürfnis der Freundschaft führt, und mit Bitterkeit stellen sie fest, wie beides, Glück und Glas, leicht brechen kann. Wird es zu einem Wiedersehen an ihrem siebzigsten Geburtstag kommen, den sie gemeinsam feiern wollen?

Lilli Beck erzählt den Roman in zwei chronologisch aufgebauten Strängen, von Mai 1945 an und im Mai 2015, die sich wie Glieder einer Kette durch geschickte Verknüpfungen aneinanderreihen. In den ersten Nachkriegsjahren schildert die Autorin sehr anschaulich den blühenden Schwarzmarkt sowie die Hamsterfahrten, die Flucht aus Ostpreußen und die an den Schulen üblichen Schläge mit dem Rohrstock. Sie erinnert unter anderem an die BMW-Isetta, den Wienerwald, erste Reisen nach Rimini, Fernsehsendungen, das Model Twiggy, die Hippie-Bewegung und die erste Herztransplantation. Die erwähnten Studentenunruhen der 68er spiegeln das Empfinden und die Gefühle einer ganzen Generation wieder, unvergessene Namen wie Rudi Dutschke und die Proteste gegen den Vietnamkrieg baut sie in den Plot ein und kann dazu mit hintergründigen Informationen zu vielen Orten, wie etwa einem Club in München, in dem sich Größen aus Popszene, Politik und Aktivisten trafen, überzeugen.

Der auf autobiografischen Erlebnissen basierende und sehr bewegende Roman Glück und Glas ist ein umfassendes Zeitzeugnis vom Kriegsende bis heute. Die selbst früher als Model arbeitende Autorin hat die Kleider- und Haarmode über die Jahrzehnte aufleben lassen, und bei den unzähligen genannten Musiktiteln würde beim Umblättern der Buchseiten nur noch das Erklingen der Melodien fehlen. Lilli Beck kann mit ihrem Werk, das von Freundschaft, Liebe, Enttäuschung, Eifersucht, Neid und Gier handelt, vielfältige Erinnerungen bei den Menschen hervorrufen, die zumindest einen Teil der Zeit erlebt haben, wohingegen sich die jüngere Generation beispielsweise über für Heranwachsende nicht zugängliche Bücher zur sexuellen Aufklärung oder die Probleme im Zusammenhang mit der Verschreibung der Anti-Baby-Pille wundern mag. Trotz des beträchtliche Seiten umfassenden Buches ist keine einzige Seite zu viel, der Leser ist gebannt von den immer neuen Entwicklungen und fassungslos über die schicksalhaften Lebensläufe.

Lilli Beck, Glück und Glas, Blanvalet Verlag 2015, Hardcover mit Schutzumschlag, 510 Seiten, ISBN 978-3-7646-0543-1, Preis: 19,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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