Isabelle ist unterwegs, um mit der S-Bahn zum Züricher Flughafen zu fahren. Nach einer Operation will sie noch zwei Wochen in Stromboli verbringen und hat einen Flug nach Neapel gebucht. Erst vor den Stufen der Bahnhofstreppe merkt sie, wie schwer ihr Koffer eigentlich ist. Da bietet sich ein älterer Herr an, ihren Koffer die Treppe hochzutragen. Er rollt den Koffer bis zum Bahnsteig an Gleis 4 und bricht dann plötzlich zusammen. Als Isabelle neben ihm kniet, öffnet er noch einmal die Augen, sagt leise „Bitte…“ und stirbt. Eine herbeigerufene Ärztin stellt den Tod des Mannes fest. Die inzwischen eingetroffenen Streifenpolizisten finden keine Papiere bei dem Toten und befragen Isabelle, was vorgefallen ist. In den Verwirrungen vergisst sie völlig die kleine Mappe, die der Mann bei sich trug. Für eine Befragung soll sie sich weiterhin zur Verfügung halten. Doch da sie ihren Flug inzwischen verpasst hat, lässt sie sich von einem Taxi nach Hause bringen.

Erst zuhause wird ihr klar, dass nach ihrer Operation die Strapazen der geplanten Reise für ihre Gesundheit noch zu viel sind. Außerdem stellt sie sich die Frage, ob der Mann auch gestorben wäre, wenn er nicht ihren Koffer getragen hätte. Sie macht sich Vorwürfe, fühlt sich schuldig am Tod des Unbekannten und möchte herausfinden, wer der Verstorbene gewesen ist. Da klingelt plötzlich ein Handy in der Mappe des Toten. Isabelles Neugier ist geweckt und als es der Polizei gelingt, die Identität des Mannes zu ermitteln, reist seine Witwe aus Kanada an. Isabelle stellt gemeinsam mit ihrer Tochter Sarah und der Witwe des Verstorbenen Nachforschungen über seine Lebensgeschichte an, denn über seine Kindheit und Jugendzeit in der Schweiz hat er nicht einmal seiner Frau etwas erzählt.

Der wichtigste Protagonist in Gleis 4 stirbt gleich zu Beginn des Romans, doch trotzdem dreht sich alles um ihn, denn es ist seine Geschichte, die Franz Hohler erzählt. Als uneheliches Kind wurde Marcel Wyssbrod der Mutter entzogen und später als günstige Arbeitskraft an einen Bauern vermittelt, der ihn ausnutzte und misshandelte. Nach dem ungeklärten Tod des Bauern wurde er in ein Erziehungsheim abgeschoben, bis ihm die Flucht nach Kanada gelang, wo er als Martin Blancpain ein neues Leben begann. Franz Hohler hat mit seinem Roman ein unrühmliches Kapitel der neueren Schweizer Geschichte über das Schicksal der Verdingkinder aufgearbeitet, in dem im Namen der Moral Verbrechen gegen Frauen und ihre Kinder begangen wurden. Aus einer alltäglichen Geschichte heraus gelingt es ihm, einen vielschichtigen, sozialkritischen Roman entstehen zu lassen, der spannend wie ein Kriminalroman ist und den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Franz Hohler, Gleis 4, Luchterhand Verlag 2013, Hardcover mit Schutzumschlag, 220 Seiten, ISBN 978-3-630-87420-3, Preis: 17,99 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

1 Kommentar

  1. Miss Booknerd

    Beim Stöbern auf der Seite habe ich gerade dieses Buch entdeckt! Es kommt direkt auf meine Wunschliste! 🙂

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