Die beiden Brüder, der achtjährige Karl und der zehnjährige Lorenz, leben in einem kleinen Dorf in der Oberpfalz. Ihre Mutter Hanna, die von den Dorfbewohnern hinter vorgehaltener Hand als Verrückte bezeichnet wird, hat sich das Leben genommen. Eine kleine grüne Mütze, die sie nach der Entlassung aus der Psychiatrie von einem Arzt geschenkt bekommen hatte, ist vor elf Tagen verschwunden. So setzte sie sich einen rosa Schlüpfer auf den Kopf und sprang vom Balkon. Der Vater Randolph Brauer vermietet vierzehn Fremdenzimmer im Haus, die als die schönsten im Ort gelten. Nach der Saison, wenn die Touristen ausbleiben, arbeitet er in einer nahegelegenen Fabrik. Nun muss der Vater den toten Körper von Hanna nach Den Haag bringen, um sie in der Familiengruft der van Dohls beizusetzen. Die beiden Jungen bleiben in der Obhut der Haushälterin Frau Kratzler und des Dauergastes Herr Murmelstein zurück. Frau Kratzler wurde wie ein Erbstück von einer Generation zur nächsten weitergegeben, niemand kann sich an eine Zeit ohne sie erinnern und deshalb sind Karl und Lorenz davon überzeugt, dass sie die älteste Frau der Welt ist. Herr Murmelstein, der Murmeltier genannt wird, lebt seit zehn Jahren im Haus der Familie. Er war eigentlich nur auf der Durchreise, doch dann hatte er einen Verkehrsunfall und sein Wagen erlitt einen Totalschaden. Er deutete dies als Fügung des Schicksals und blieb in dem Dorf.

An dem Unfall beteiligt war auch der Schweizer Privatier Viktor Janneck, der eine Woche in der Oberpfalz verbrachte und dann die Dorfschönheit Mathilde und ihre einjährige Tochter mitnahm, obwohl Mathilde Gröhler bereits verheiratet war. Ihre Rückkehr nach zehn Jahren versetzt nun die Männer im Dorf in Unruhe, denn kaum ein Mann, nicht einmal der Pfarrer, konnte damals den Reizen der Schönen widerstehen. Ihre inzwischen elfjährige Tochter Elsa soll bei ihrem Vater Hubertus Gröhler bleiben, denn Mathilde will mit Viktor eine zweijährige Weltreise machen. Elsa ist ein exentrisches Mädchen mit Streichholzarmen und nichts erinnert an die Schönheit ihrer Mutter, doch für Karl ist sie vollkommen. Lorenz und Karl freunden sich schnell mit Elsa an und sie sind oft zu dritt unterwegs. Nach den Sommerferien besuchen Lorenz und Elsa das städtische Gymnasium, während Karl allein zur Dorfschule geht. Doch selbst als auch Karl auf das Gymnasium kommt, fühlt er, dass Elsa und Lorenz etwas verbindet, das ihn ausgrenzt. Mit gerade einmal fünfzehn Jahren eröffnet Elsa den beiden Brüdern, dass sie nach Texas geht, um zu heiraten. Für Karl bricht eine Welt zusammen, denn ein Leben ohne sie übersteigt seine Vorstellungskraft…

Im ersten Teil ihres Roman Elsa ungeheuer schildert die Autorin Astrid Rosenfeld schonungslos die Wirklichkeit in einem oberpfälzischen Dorf, die sich hinter der Fassade einer scheinbar heilen Welt verbirgt. Wohingegen im zweiten Teil die Ereignisse in der Kunstszene wohl genau den allgemeinen Vorstellungen entsprechen und ein Klischee bedienen. Die Autorin hat die beiden Teile mit „Hunde“ und „Wölfe“ betitelt, doch wie bei der Silberkette, die der achtjährige Karl seiner heimlichen Liebe Elsa schenkt, bei der ein Tierkopf je nach Lichtverhältnis und Blickwinkel sein Wesen in einen Hund oder Wolf verwandelt, kommt es auch bei dem Roman auf die Sichtweise des Lesers an. Der Roman ist nicht nur eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jungen und einem Mädchen, sondern wesentlich vielschichtiger. Obwohl die Liebe natürlich eine Rolle spielt: Die fast schon bedingungslose Liebe des Protagonisten Karl zu Elsa, die in der Kindheit entstanden ist, an der er festhält und die ihn sein Leben lang begleitet. Doch am Ende sind es die mehr oder weniger offensichtlichen Anspielungen in dem Roman Elsa ungeheuer von Astrid Rosenfeld, die den Leser auch noch lange nach der Lektüre beschäftigen.

Astrid Rosenfeld, Elsa ungeheuer, Diogenes Verlag 2013, Hardcover, 288 Seiten, ISBN 978-3-257-06850-4, Preis: 21,90 Euro.

Wie bewerten Sie dieses Buch? schrecklichschlechtdurchschnittlichgutausgezeichnet 12 Stimme(n) | Bewertung 4,17 | Sie müssen sich registrieren, um am Leservoting teilzunehmen.
Loading...

Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.