Obwohl die Liebe viele Gesichter kennt, denken die meisten Menschen dabei an die Partnerliebe. Während Evolutionspsychologen die sich über Millionen von Jahren herauskristallisierenden Gründe untersuchen, die zur Partnerwahl führen, haben Neurobiologen den Zustand der Verliebtheit analysiert, den sie als Rauschzustand definieren. In der Tat befällt den Verliebten ein wahrer Hormoncocktail, der ihn euphorisch werden lässt. Sein Schlafbedürfnis sinkt und er wird leichtsinniger. Generationen von Komponisten haben der Liebe ein Denkmal gesetzt und die meisten Filmklassiker haben sie zum Thema. Doch kaum jemand hat sich mit ihr wie Mohsen Charifi in seinem bezaubernden Buch Ein Tag mit der Liebe beschäftigt. Auf eine ungewöhnliche Weise beschreitet der studierte Physiker und Psychologe einen philosophischen Ansatz.

Ein junges Mädchen, das die Verliebtheit symbolisiert, trifft mit einem schweren Rucksack bepackt auf einen alten Mann, der für die Liebe steht. Sie erwartet von ihm ein schnelles Rezept für die Liebe und wird zunehmend ungeduldiger, da er auf alle ihre Fragen mit Rückfragen reagiert und weit ausholende Erklärungen bietet. An Beispielen will er ihr die unterschiedlichen Formen der Liebe erläutern und sie kommt immer mehr zu der Erkenntnis, dass sie all die Jahre viel zu viel Ballast mit sich herumgeschleppt hat, um innere Zufriedenheit und wahres Glück empfinden zu können, was eine Voraussetzung für die wahre Liebe ist. Auf dem Weg, den die beiden für einen Tag gemeinsam zurücklegen, lässt sie Erinnerungen, Hoffnungen und Enttäuschungen aus ihrem Rucksack zurück und nachdem sie auch über ihre Sehnsüchte und Ängste gesprochen hat, ist sie endlich bereit für den Übergang zur Liebe. Sie ist sogar überrascht, als sie plötzlich ihren Rucksack leer vorfindet und sogar ihn selbst verschwinden sieht. Aus Verliebtheit und Liebe ist eins geworden.

Mohsen Charifi fesselt den Leser in seinem Buch Ein Tag mit der Liebe schon mit den ersten Worten und gibt ihm kurzzeitig das Gefühl, in einer heilen Märchenwelt gelandet zu sein. Doch diese Kulisse dient dem Autor für seine zahlreichen Vergleiche, mit denen er deutlich macht, dass wir Menschen auf der Suche nach unseren Träumen und Sehnsüchten an der Liebe vorbeilaufen. Unsere Gedanken beschäftigen sich fast nur mit der Vergangenheit oder Zukunft, aber kaum mit der Gegenwart. Enttäuschungen haben Schmerzen hinterlassen, die in unserer Erinnerung verankert sind. Doch müssen wir diesen Ballast abwerfen, weil wir sonst zu schwer daran tragen. Für viele Menschen wird das Leben auf diese Weise zur Last. Sie werden zum eigenen Sklaven ihrer Bedürfnisse, wenn sie nach immer mehr trachten und sie wollen mehr Macht und mehr Einfluss über andere haben, kaufen sich wertvolle Antiquitäten und kostbaren Schmuck. Wenn sie sich verlieben und die anfänglich betäubende Wirkung nachlässt, „bleiben Paare, Beziehungen und Ehen zurück“, auch wenn sie „Jahrzehnte in Freude und Harmonie miteinander“ geteilt haben. Die zentrale Frage, die sich jeder stellt, ist die nach dem Sinn des Lebens, doch gelten heute für den modernen Menschen andere Glücksgefühle als für unserer Vorfahren in der Steppe. Die Worte Ich liebe dich dürfen wir, um Enttäuschungen zu vermeiden, nicht als ewiges Versprechen auffassen, sondern als Geschenk des Augenblicks. Die Botschaft von dem bezaubernden und wunderbaren Buch Ein Tag mit der Liebe von Mohsen Charifi ist daher die, dass wir die Liebe zum Glücklichsein nicht unbedingt erreichen müssen, sondern uns lediglich nach ihr richten sollten.

Mohsen Charifi, Ein Tag mit der Liebe, Windpferd Verlag 2012, gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 216 Seiten, ISBN 978-3-86410-030-7, Preis: 18,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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