Im Mittelpunkt des großen literarischen Romans Die Zwillinge von Nürnberg von Hermann Kesten steht das Leben der Zwillinge Primula und Ultima. Nachdem ihre Mutter im Kindbett verstarb, werden sie von ihrem Vater aufgezogen, der als grausamer Richter bekannt ist. Als sie in ein Internat gesteckt werden sollen, fliehen die 17-jährigen Schwestern nach Nürnberg. Man schreibt das Jahr 1918 und es ist endlich wieder Frieden eingekehrt. Sie werden zusammen mit Ferdinand Lust, der aus einem Gefangenenlager aus Nancy geflohen ist, liebevoll von Marie Tucher aufgenommen. Ferdinand unterhält eine kurze Liaison mit der Witwe eines kürzlich verstorbenen Freundes sowie mit der von ihm geliebten Marie Tucher und auch mit Primula, eine der beiden Zwillingsschwestern. Primula wird schwanger und die beiden Schwestern zieht es nach Berlin, wo Primula ebenfalls Zwillinge, zwei Jungen, auf die Welt bringt. Primula und Ultima beschließen, die beiden Jungen Alexander und Caesar jeweils als ein Kind von sich auszugeben und niemand soll jemals von diesem Schwindel erfahren. Primula heiratet schließlich Ferdinand Lust und ihre Schwester Ultima heiratet Richard Musiek, der beim Theater beschäftigt ist. Der Alltag aller ist von erbitterten Straßenkämpfen überschattet und der Generalstreik, der mit einem Putschversuch endet, führt zu Hunger bei Arm und Reich. Das Schicksal von Marie nimmt seinen Lauf, als sie einen Mann heiratet, der sich zuvor von seiner blinden Frau getrennt hat, die nun von Eifersucht getrieben wird.

Die Zwillingsschwestern verstehen einander immer weniger und aus der geliebten wird die verhasste Schwester. Sie gehen schließlich getrennte Wege und begegnen sich erst 1938 in Paris wieder. Die Zeiten stehen wieder auf Krieg und jeder hat Angst vor Denunziation und Verfolgung. Der eine Zwillingssohn, Caesar, gehört der Partei an und hat als Nazi zunächst nichts zu befürchten. Er lockt seinen Zwillingsbruder Alexander mit seiner Geliebten Claire sowie Musiek und Ultima nach Deutschland, weil er sie dort in Sicherheit glaubt. Doch schon nach nur einem glücklich verbrachten Jahr gerät Claire in die Fänge der Gestapo und wird grausam gefoltert. Als Alexander Nachforschungen über ihren Verbleib anstellt, wird auch er ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Caesar, der mittlerweile weiß, dass Alexander nicht sein Cousin, sondern sein Zwillingsbruder ist, will ihm zu Hilfe kommen. Wird er seinen Bruder befreien können? Werden Ultima und Primula auch diesen Krieg überleben? Was wird aus ihren Männern, Richard Musiek und Ferdinand Lust? Wie verhält sich ihr Vater, der vom Richteramt zum Justizminister aufsteigen konnte?

Wer noch Nachholbedarf in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts hat, dem sei der Roman Die Zwillinge von Nürnberg von Hermann Kesten wärmstens empfohlen. Denn der Autor scheint die fiktiven Protagonisten nur erfunden zu haben, um dem Leser die historischen Hintergründe von der Weimarer Republik bis zum Dritten Reich nahe zu bringen. So hat er geschickt die überlieferte Ermordung von Rosa Luxemburg in eine Unterhaltung gepackt, die der wirkliche Mörder Otto Wilhelm Runge mit der Romanfigur Primula führt. Ebenso verwickelt er die Protagonisten in ein Gespräch mit Kapp, Lüttwitz und Ludendorff, die tatsächlich 1920 an dem gescheiterten Putschversuch gegen die Weimarer Republik beteiligt waren. Auch die Brigade Ehrhardt wird erwähnt, deren Kampflied als Vorbild für die spätere SA diente.

Es ist sicher nicht zu hoch gegriffen, Hermann Kestens Roman Die Zwillinge von Nürnberg als große Literatur zu bezeichnen. Doch er ist auch keine leichte Kost! Denn an zwei Personen hat Kesten die Gräueltaten der Naziherrschaft demonstriert und den Leser die Leidenswege hautnah spüren lassen. Die Angst der Gefolterten vor den zu Bestien gewordenen Menschen wird vom Leser mitempfunden. Auf jeden Fall lohnt es sich das Werk zu lesen, wenn man mehr über die Hintergründe und Zusammenhänge dieser Epoche wissen möchte und nicht nur ein Geschichtsbuch mit Daten und Fakten zur Hand nehmen will. Zumal das gesamte politische Geschehen in eine Geschichte eingebunden wurde, woran man die besondere Gabe des Autors erkennen kann. Einzig und allein hätte der Verlag zum besseren Verständnis für jüngere Leser einige Fußnoten zu den historisch belegten Personen und Ereignissen einbringen können. Auf jeden Fall lässt Hermann Kesten den Leser mit vielen Fragen über Anstand, Gerechtigkeit, Charakterschwäche, Selbstzweifel, Menschenliebe und plagendes Gewissen zurück.

Hermann Kesten, Die Zwillinge von Nürnberg, Tümmel Verlag 2003, gebunden, 597 Seiten, ISBN 978-3-921-59000-3, Preis: 26,00 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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