Die zweite Arche von Heinz Janisch

Die zweite ArcheIm strömenden Regen steht Alef am Strand und sieht, wie sich die Arche Noah am Horizont immer weiter von ihm entfernt. Zu dumm, dass er zu spät gekommen ist und die Abfahrt verpasst hat. Wie sich herausstellt, hat es auch das Einhorn nicht geschafft. Nach und nach kommen noch Zentauren hinzu, ein geflügeltes Pferd, ein Pegasus, der Vogel Greif und eine Sphinx. Alef fasst einen Plan und verkündet, eine zweite Arche bauen zu wollen, woraufhin alle sofort das benötigte Material zusammentragen. Nach drei Tagen und Nächten sind sie endlich mit der Arbeit fertig, und der stärker werdende Regen hebt das Boot an und treibt es auf das offene Meer.

Es ist eine lange Reise, bei der sie Zyphius, halb Fisch, halb Drache, schwimmend begleitet. Während es unaufhörlich regnet, haben sich die Passagiere, die einander respektieren, viel zu erzählen. Erst nach vierundzwanzig Tagen lässt der Regen nach, das Wasser fließt ab und „Die zweite Arche“ geht auf Grund. An Land richtet Alef letzte Worte an seine Begleiter: Er stellt fest, dass sie offensichtlich dazu auserkoren sind, den Menschen zu helfen, wo immer sie gebraucht werden und dass sie stets für alle da sein werden. So verabschieden sie sich und jeder schlägt eine andere Richtung ein. Alef, der mit Noah verwandt ist, findet seine Familie wieder, und letztlich zerfällt die Arche zu einer Wolke.

Die Protagonisten der berührenden Geschichte sind, von Alef abgesehen, Fabelwesen aus der Mytologie, wie die Zentauren, die Mischwesen zwischen Pferd und Mensch sind. Doch alle reagieren und handeln wie Menschen, sind hilfsbereit und gehen vor allem respektvoll miteinander um. Kinder, denen ab einem Alter von vier Jahren das Buch „Die zweite Arche“ vorgelesen werden kann, leiden zunächst mit Alef, der einsam und verlassen am Strand sitzt. Wie er selbst resümiert, ist er ein Mensch, der oftmals übersehen und von allen vergessen wird. In seiner Verzweiflung lässt er sich jedoch nicht unterkriegen, und nachdem auch noch andere Lebewesen die Arche Noah nicht erreicht haben, fasst er einen Plan und nimmt die Situation nicht schicksalsergeben hin. „Wer sich nicht selbst helfen will, dem kann niemand helfen“, ein Zitat von Johann Heinrich Pestalozzi, ist eine wichtige Aussage in diesem Kinderbuch und soll den Kleinen Mut machen, in einer ausweglosen Situation nach einer rettenden Lösung zu suchen.

Dass Alef mit seinen Mitstreitern nach der Strandung für die Menschen da sein und Gutes tun will, wobei sie „vor und hinten ihnen, in der Mitte und am Rand, sichtbar und unsichtbar“ präsent sein wollen, beschwichtigt die kleinen Zuhörer oder vielleicht auch schon Selbstleser. Nachdem sie zunächst mit Alef gelitten haben, hat sich am Ende alles zum Guten gewandelt und, sofern es für sie eine Gutenachtgeschichte ist, können sie beruhigt mit dem Gedanken einschlafen, dass die Protagonisten bestimmt auch über sie wachen. Zum Verständnis des auf wenige Zeilen beschränkten Textes von Heinz Janisch tragen in dem großformatigen Kinderbuch „Die zweite Arche“ die Illustrationen von Hannes Binder bei, der die Dramatik in eindrucksvollen Bildern festgehalten hat.

Die zweite Arche von Heinz Janisch

Die zweite Arche
Atlantis Verlag 2019
Hardcover
32 Seiten
ISBN 978-3-7152-0761-2

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Bildquelle: Atlantis Verlag


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