Die Liste der bekannt gewordenen Entführungen reißt nicht ab und immer neue Schreckensmeldungen erreichen uns. Für Entsetzen hat die Entführung von Natascha Kampusch nach ihrer Entlassung gesorgt, die als 10-Jährige in einem Kleintransporter verschleppt und über acht Jahre von ihrem Peiniger gefangen gehalten wurde. Marc Dutroux hat gleich mehrere Kinder im Alter von 8-19 Jahren entführt. Nicht anders ergeht es der 13-jährigen Maren, dem 16-jährigen Conrad, der 14-jährigen Sophia, dem erst 11-jährigen Eike und dem 12-jährigen Leon in dem Jugendroman Die unterirdische Sonne von Friedrich Ani. Auch sie wurden von zwei Männern und einer Frau in einen Lieferwagen gezerrt und auf eine Insel verschleppt. Sie leben in einem Kellerraum ohne Fenster, in dem lediglich tagsüber eine Deckenlampe für Licht sorgt. Dreimal in der Woche wird kurz frische Luft eingelassen, das einzige Bad müssen die Kinder selber putzen. In dem immerhin warmen Kellerraum können sie fernsehen und bekommen zu essen und trinken, nur reden dürfen sie nicht über das, was oben geschieht. Nach oben werden sie fast täglich einzeln oder zu zweit geholt. Aus Angst, dass ihnen noch Schlimmeres widerfahren könnte wenn sie reden, halten sie sich an das Verbot. Eines Tages kommt noch der 18-jährige, gehbehinderte Noah zu ihnen. Als er gegen die Entführer aufbegehrt, nehmen die Kinder, durch ihr eigenes Martyrium willensschwach geworden, die Reaktion der Entführer widerstandslos zur Kenntnis.

Friedrich Ani hat mit der Insel Vohrland für seinen Roman Die unterirdische Sonne einen imaginären Handlungsort gewählt, der stellvertretend für jeden anderen Ort auf der Welt stehen könnte. Der Leser erfährt nicht konkret, was mit den Kindern bzw. Jugendlichen „oben“ geschieht, denn es werden lediglich Andeutungen gemacht, und die auch nur an wenigen Stellen. Anhand der vereinzelten Schilderungen, dass sie sich ausziehen müssen und das Klicken von Fotoapparaten vernehmen, kann der Leser aber ahnen, worum es geht. Der Autor verzichtet auf voyeuristische Details und auch die Gefangennahmen werden nur kurz in den Erinnerungen der Kinder beschrieben. Stattdessen lässt Friedrich Ani die Gefangenen von ihrer Kindheit träumen oder den anderen davon erzählen.

Vom Verlag wird das Jugendbuch Die unterirdische Sonne ab 16 Jahren empfohlen, was bei dem düsteren Thema auch angemessen erscheint. Die Leser sollten keine mitreißende Story erwarten, denn es handelt sich um einen eher handlungsarmen Plot, der mehr von der Stimmung der jungen Leute in dem Kellerverlies getragen wird. Nichts desto trotz ist man aber gerade deshalb motiviert weiter zu lesen und auf den Ausgang gespannt. Die Geduld wird schließlich durch die letzten 25 Seiten belohnt, wenn die Spannungskurve steigt, denn plötzlich kommt „Fahrt auf“. Das Buch Die unterirdische Sonne ist eine stille Anklage des Autors, der hiermit ein sehr sensibles Thema anspricht. Zu oft will niemand etwas von einem Verbrechen gesehen oder gehört haben, so dass Menschen mitten unter uns, oft über Jahre, gefangen gehalten werden können.

Friedrich Ani, Die unterirdische Sonne, cbt Verlag 2014, Hardcover mit Schutzumschlag, 335 Seiten, ISBN 978-3-570-16261-3, Preis: 16,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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