
Ein Vermisstenfall mit brisantem Hintergrund
Constantin Schwab macht die von Otto Muehl gegründete Kommune „Aktionsanalytische Organisation“ (AAO) zum Aufhänger seines Romans Die grünen Augen der Liza de Mink. Otto Muehl wurde 1991 unter anderem wegen Unzucht mit Minderjährigen zu sieben Jahren Haft verurteilt und zog anschließend an die Algarve in Portugal. Die AAO gründete er im Jahr 1970.
Der namenlose Protagonist hat gemeinsam mit seinem Studienkollegen Matti eine Detektei in Wien gegründet. Im April 1975 übergibt ihm seine Sekretärin einen Brief aus Antwerpen, in dem sich eine Mutter um ihre verschwundene siebzehnjährige Tochter Liza de Mink sorgt. Agata äußert darin die Befürchtung, Liza könne sich der Sekte „Muell Kommune“ angeschlossen haben.
Für den Detektiv steht fest, dass es sich dabei nur um den Aktionisten Otto Muehl handeln kann, dem er bereits 1968 begegnet ist. Nachdem Agata der Bitte nachkommt, eine Personenbeschreibung oder ein Foto ihrer Tochter nachzureichen, erhält die Detektei zwar lediglich ein Schwarz-Weiß-Foto der Ausreißerin, aber immerhin den Hinweis, dass sie zwei „strallend helle, grasgruene Augen“ habe. Als Journalist ausgebend macht sich der Kompagnon von Matti auf den Weg zum Sitz der Kommune, wo jedoch niemand Liza zu kennen scheint.
Auf Spurensuche am Friedrichshof
Umdisponierend gibt er vor, zu einer Kursgruppe zu gehören, und fährt mit zum Friedrichshof. Selbst bereits bekifft, wird er von fast einhundert Menschen mit kurz geschorenem Stoppelhaar empfangen, die sämtlich ihren Besitz aufgegeben haben und teilweise wie „halbe Kinder“ aussehen. Doch die Suche nach Liza gestaltet sich weiterhin schwierig, zumal auch der Kursleiter sie nicht zu kennen scheint.
Da betritt Judith die Bühne, und der namenlose Protagonist blickt einer nackten Tänzerin mit grasgrünen Augen ins Gesicht. Blöd nur, dass ein ungestörter Anruf in die Detektei nicht möglich ist und auch die Post nur sporadisch versendet wird. Da es weder Fernsehen noch Radio oder Zeitungen gibt, ist der Friedrichshof nahezu vom Weltgeschehen abgeschnitten.
Zwischen Anpassung und Fluchtgedanken
Liza sucht den Neuen auf und fragt ihn geradeheraus, ob er ficken wolle. Nach dem „nächtlichen Scheitern“ fragt sie ihn am folgenden Tag, was er hier zu suchen habe. Das lässt seine Sorge wachsen, jemand könne ihn als „dreckigen Spürhund“ entlarven. Auf seine ehrliche Offenbarung folgen heimliche Treffen, in denen sie gesteht, die freie Sexualität „verdammt satt“ zu haben.
Bei einer weiteren Tanzdarbietung beleidigt Liza wie ein Narr bei Hofe Seine Majestät, was Otto Muehl zunächst mit Applaus quittiert. Doch nachdem sie für mehrere Stunden in Muehls Zimmer verschwindet und daraus „blass und stark gealtert“ zurückkehrt, kündigt sie ihre Flucht an. Der namenlose Protagonist, der sie nicht dazu zwingen will, zu ihrer Mutter zurückzukehren, nimmt sie mit nach Wien. Den Fall betrachtet er allerdings erst mit anderen Augen, als er selbst nach Antwerpen zu Agata reist.
Ein Roman, der die Erwartungen verändert
Die grünen Augen der Liza de Mink ist trotz der Existenz eines Detektivbüros kein Krimi. Auch wenn der Geschichte ein realer Fall zugrunde liegt und der ebenfalls existierende Friedrichshof eine wichtige Rolle spielt, handelt es sich um einen Roman, in dem der namenlose Protagonist das Geschehen aus der Ich-Perspektive erzählt.
Dieser fristet ein Dasein „ohne jedes Verlangen“, hat noch nie masturbiert und lebt mit einer Frau zusammen, mit der er nicht schläft. Über Matti erfährt man, dass von ihm eine „stille Aura“ ausgeht und eine Reise nach Finnland sein großer Traum ist. In diesem Zusammenhang erwähnt Constantin Schwab den finnischen Nobelpreisträger Frans Eemil Sillanpää und dessen Roman „Das fromme Elend“. Korrekt ist auch die Angabe, dass lediglich drei Prozent der Menschen grüne Augen haben.
Der literarisch geprägte Roman kommt nahezu ohne wörtliche Rede aus und macht neugierig auf die Frage, welchen triftigen Grund Liza gehabt haben mag, von zu Hause wegzulaufen und in der Sekte Zuflucht zu suchen. Ihr Aufspürer stellt sich die Frage, warum sie sich mit „Gras, Wein und Schnaps“ betäubt. Der Plot schlägt in dem Moment eine völlig andere Richtung ein und lässt aufhorchen, als der Protagonist selbst nach Antwerpen reist. Literaturbegeisterte werden das Werk dieses vielseitigen Autors zu schätzen wissen.
Die grünen Augen der Liza de Mink von Constantin Schwab

Ein Vermisstenfall führt einen Wiener Detektiv in die berüchtigte AAO-Kommune von Otto Muehl. Constantin Schwab verbindet historische Bezüge mit einer literarischen Geschichte voller Fragen, Geheimnisse und überraschender Enthüllungen.
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Verlag: Kremayr & Scheriau
Erscheinungsjahr: 2026
Seitenzahl: 160
Genre: Roman