Die zweiundfünfzigjährige Lehrerin Salli Sturm bringt Ausländern in einem Institut die deutsche Grammatik bei. Sie ist unverheiratet und alleinstehend, denn nachdem ihre Mutter verstorben ist, hat sie sich um die Belange ihres Vaters gekümmert und ihre Beziehung mit einem Ethologen beendet. Zwölf Jahre später machte sie die Bekanntschaft eines Professors der Linguistik, der gut zu ihr gepasst hätte, doch ihrem Vater zuliebe beendete sie auch diese Affäre. Nach dem Tod des Vaters verkaufte sie das Elternhaus und zog in ein Apartment in Schwabing.

Erst vor neun Monaten ist der fünfzigjährige Dr. Anselm Donnerstag an seine frühere Wirkungsstätte im Institut zurückgekehrt, was bei dem stark frauenlastigen Kollegium zu Aufregung geführt hat. Sein Anblick hat Salli vollkommen eingenommen, denn der gutaussehende, gebildete Akademiker ist nur zwei Jahre jünger als sie und scheint aktuell keine Frau an seiner Seite zu haben. Salli, die keinen akademischen Titel vorweisen kann, sondern nur das Erste Staatsexamen gemacht hat, würde gerne eine wissenschaftliche Arbeit veröffentlichen und für dieses Vorhaben scheint ihr Anselm der richtige Mann zu sein. Doch auch die Kollegin Barbara Müller zeigt Interesse an dem Kollegen, der die beiden Frauen auf eine Kleinanzeige aufmerksam macht: Brauch ich Lehrer für Deutsch. Bitte anrufen mir. Während Barbara Müller glaubt, dass dieser Privatschüler ein hoffnungsloser Fall wäre, ist Salli davon überzeugt, dass jeder Deutsch lernen kann.

Der ehemalige russische Jockey Sergey Dyck verdient in Oberbayern seinen Lebensunterhalt mit dem Ausmisten von Pferdeställen. Er will seine Deutschkenntnisse verbessern, weil er ein Rennpferd von einem Züchter kaufen möchte. Nachdem er einige private Unterrichtsstunden bei Salli gebucht hat, schlägt er ihr vor, dass sie das Pferd für ihn kaufen soll. Anselm überzeugt Salli, den Russen Sergey, der scheinbar ein aussichtsloser Fall ist, weiterhin zu unterrichten und ihre Erfolge in einer praktischen Studie für eine Veröffentlichung zu dokumentieren. Für dieses Projekt lässt sie sich vom Institut beurlauben, vermietet ihr Apartment vorübergehend an einen japanischen Gastprofessor und zieht zu Sergey auf einen gepachteten Hof in Daglfing, um ihn intensiver unterrichten zu können. Dabei kommen sich die beiden näher.

Man muss schon Romantiker sein, um zu glauben, dass sich zwischen den beiden Protagonisten, die nicht die geringste Gemeinsamkeit haben, eine zarte Liebe entwickeln könnte. Es ist vielmehr die Angst vor der eigenen Einsamkeit und dem Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit und Geborgenheit, die jeden der beiden glauben lässt, er möchte nicht mehr ohne den anderen leben. Salli, die gerne eine heimliche Beziehung mit Sergey gehabt hätte, schämt sich für ihn vor ihren Kollegen und der pragmatische Sergey hätte vermutlich auch jede andere genommen, die ihm nützlich sein könnte und einen akzeptablen Po hat. Wie die Handlung aus dem Roman weitergeht, lässt die Autorin Angelika Jodl allerdings offen und so können sowohl Romantiker, wie auch Realisten den Ausgang der Geschichte für sich selbst ersinnen. In jedem Fall ist Die Grammatik der Rennpferde ein unterhaltsamer Roman mit amüsanten Dialogen, der außerdem etwas Wissen über die deutsche Grammatik und Rennpferde vermittelt.

Angelika Jodl, Die Grammatik der Rennpferde, Deutscher Taschenbuch Verlag 2016, Broschur, 320 Seiten, ISBN 978-3-423-26105-0, Preis: 14,90 Euro.

Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *