Zu Beginn der 1960er Jahre löste die Einführung der Antibaby-Pille eine sexuelle Revolution aus. Insbesondere Studenten schlossen sich zu Wohngemeinschaften zusammen, die nicht selten politisch motiviert waren. Als Idol einer ganzen Generation ist das Model Uschi Obermaier zum Inbegriff der 68er-Bewegung geworden und propagierte Die freie Liebe. Entdeckt wurde sie von Mitarbeitern der bis 1971 existierenden Jugendzeitschrift Twen, die sich offen über für die damalige Zeit tabuisierte Themen wie vorehelichen Geschlechtsverkehr oder Homosexualität äußerte, sich aber auch kritisch mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzte.

Im Jahr 1971 zieht der einundzwanzigjährige Germanistik-Student Wolfgang Wegener in dem Roman von Volker Hage nach München. Neben anspruchsvoller Literatur liest er den Spiegel und die FAZ, aber auch mit Vorliebe Texte, in denen es wie in den regelmäßig erscheinenden „twen“-Heften um die Beziehung der Geschlechter geht. Er zieht in eine WG zu Larissa, ihrem Verlobten Andreas und Claudia. Obwohl in seiner Heimatstadt Lübeck Anna auf ihn wartet, entwickelt sich zwischen ihm und der in sexueller Hinsicht völlig offenen und Die freie Liebe propagierenden Larissa eine Beziehung, nachdem sie sich über ihre sexuellen Erfahrungen ausgetauscht haben. Ihrem Verlobten gegenüber verschweigt sie nichts, doch auf Dauer führt die komplizierte Dreiecks-Beziehung zu Problemen, die Wolfgang in eine Krise stürzen.

Volker Hage lässt seinen Protagonisten in der Ich-Form berichten, der zu Beginn des Romans nach vierzig Jahren wieder auf Andreas trifft. Beide sind inzwischen Mitte sechzig, und als sie auf ihre gemeinsame Vergangenheit zu sprechen kommen, will Andreas von Wolfgang wissen, ob er noch seine Tagebücher hat, deren Wiedergabe schließlich den größten Teil des Buches ausmacht. Von damals aktuellen politischen Geschehnissen wie die Verhaftung von Andreas Baader oder Ulrike Meinhof unterbrochen liefert der Autor Hintergründe zur IBM-Philosophie und zu Kriegsereignissen in Lübeck. Er erinnert an die Eröffnung der ersten McDonald’s Filiale in Deutschland sowie die erste Playboy-Ausgabe, an zur damaligen Zeit angesagte Kinofilme oder Schallplatten, an Kopierer, die endlich die Durchschläge mit Kohlepapier überflüssig machten und generell an vieles aus der Hi-Fi-Branche sowie neu aufkommende Videorekorder.

In erster Linie geht es aber Volker Hage in seinem Roman Die freie Liebe um eben genau diese sich von Zwängen befreiende Sexualität, wobei die sexuelle Revolution bereits in der Literatur des 18. Jahrhunderts ihren Anfang nahm und mit „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert oder Effi Briest von Theodor Fontane, um nur zwei Stellvertreter zu nennen, Erwähnung gefunden hat. In einem sehr eigenen Sprachstil lässt es der Autor und Literaturjounalist zum Teil an Satzgliedern fehlen, wobei die kurzen, abgehakt wirkenden Sätze aber eine umso eindringlichere Wirkung auf den Leser haben, die mitunter sogar ein unheilvolles Gefühl aufkommen lassen. Ohne behaupten zu wollen, dass der eindringliche Roman für jüngere Semester nicht geeignet ist, können sich Leser, die der Generation der Protagonisten angehören, viel besser in die Zeit hineinversetzen oder sich daran erinnern, als „Die freie Liebe“ noch nicht gesellschaftsfähig war und die bis dahin vorherrschende Prüderie ablöste. Ohne Zweifel ist der Roman ein wichtiges Zeitzeugnis, ob allerdings deshalb konsequent auf die neue Rechtschreibung verzichtet werden musste, ist allerdings fraglich.

Volker Hage, Die freie Liebe, Luchterhand Verlag 2015, Hardcover mit Schutzumschlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-630-87468-5, Preis: 16,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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