Die Eismacher von Ernest van der Kwast

Die EismacherGiovanni gehört einer traditionsreichen Familie von Eismachern an. Schon sein Urgroßvater Giuseppe Talamini ist in Venas di Cadore in den Dolomiten aufgewachsen und war Zeitzeuge beim Durchbruch des Gotthard-Tunnels im Jahr 1880. Von einem Aufenthalt in Wien brachte er sich eine Eismaschine mit, was bei seinem Vater erwartungsgemäß auf Unverständnis stieß. Trotzdem kletterte er bis zum Gletscher auf den Antelao, um von dort gefrorenes Eis für seine ersten Experimente zur Herstellung von Sahneeis und Sorbet zu gewinnen, womit er den Grundstock für die nachkommenden Generationen legte.

Giovanni ist allerdings der erste Talamini, der mit dieser Familientradition bricht: Er wendet sich lieber der Poesie zu, wird Direktor des World Poetry Festivals und tingelt in der ganzen Welt von Festival zu Festival. Seiner Familie missfällt das gewaltig, denn sein Vater und seine Mutter arbeiten trotz ihres hohen Alters immer noch acht Monate lang in dem Eiscafé Venezia in Rotterdam, ohne sich auch nur einen Tag Pause zu gönnen. Seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Luca und dessen Ehefrau Sophia ergeht es nicht besser, denn auch ihnen bleiben nur die Wintermonate in den Dolomiten zur Erholung.

Ernest van der Kwast beginnt in seinem Roman Die Eismacher mit einer Szene, in der sich der fast achtzigjährige Vater von Giovanni in eine Hammerwerferin aus dem Fernsehen verliebt. Was den Autor dazu bewogen hat, ist nicht zu ergründen, denn es findet sich in der Folge kein Bezug dazu. Giovanni erzählt die Ereignisse so, als würde er dem Geschehen beiwohnen, weilt jedoch gerade in Irland. Es folgt ein Rückblick in die Zeit des Urgroßvaters, wie er das erste Eis herstellt und mit seiner späteren Ehefrau Maria Grazia Eis an die Dorfbewohner verkauft. Auch diese Begebenheiten werden von seinem Nachfahren so erzählt, als wäre er dabei gewesen, was beim Leser einen unwirklichen Eindruck hinterlässt. Die weiteren Kapitel handeln in nicht chronologischer Reihenfolge mal vom Konkurrenzkampf der Eismacher aus den Dolomiten, wie die beiden Brüder Luca und Giovanni die Kindheit und Jugend verbrachten, wie neue Eissorten kreiert wurden oder von Giovannis unzähligen Poesiefestivalbesuchen.

Der Leser sucht vergeblich den roten Faden in dem Plot, in dem eigentlich Die Eismacher im Vordergrund stehen sollten. Zu dem Zeitpunkt, als vom Leben des Urgroßvaters berichtet wird, ist er auch noch auf den weiteren Verlauf gespannt. Doch dann wird er mit nicht enden wollenden, langatmigen Ausführungen über Lyrik enttäuscht, die in einem anderen, themenbezogenen Roman sicher gut untergebracht wären. Der Autor „springt“ von einem Gedanken zum nächsten und erschwert das Verständnis darüber hinaus durch unvermittelt auftretende Tempuswechsel.

Einziger Pluspunkt sind die Recherchen des Autors rund um das Thema Eis. So schreibt Ernest van der Kwast vom Geschäftsmann Frederic Tudor, der es zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Natureis in der Karibik zu Reichtum gebracht hat sowie vom Schweizer Carlo Gatti, der durch die Erfindung von Speiseeis zum Millionär wurde. Wahr ist auch, dass in einem Buch aus dem Jahre 1888 ein Rezept über die Eiswaffel zu finden ist und dass der Syrer Ernest Hamwi anlässlich der Weltausstellung in St. Louis im Jahre 1904 Eiswaffeln herstellte. Interessant ist auch der Hinweis, dass Wilson Alwyn Bentley am 15. Januar 1885 einen Schneekristall fotografieren konnte. Allerdings dürfte das nicht die erste Aufnahme von Schneekristallen gewesen sein, denn das soll nach dem neuesten Stand laut Wikipedia am 1. Februar 1879 bereits dem vielseitig talentierten Johann Heinrich Ludwig Flögel gelungen sein. Von diesen sicher sehr erwähnenswerten Ereignissen einmal abgesehen, hat der Plot nur Belangloses zu bieten. Der Roman ist weder spannend, noch weckt er das Interesse des Lesers am Fortgang der Handlung.

Ernest van der Kwast, Die Eismacher , btb Verlag 2018, Taschenbuch, 384 Seiten, ISBN 978-3-442-71597-8, Preis: 10,00 Euro.

Bildquelle: btb Verlag

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