Der 48-jährige Programmierer Alfred Ostlicht wurde von dem Züricher Softwareunternehmen AGP, bei dem er beschäftigt ist, zu einer Schulung in das IBM Forschungszentrum nach Rüschlikon geschickt. Sein Chef, der ihn überraschend in sein Büro beordert, bittet ihn zusätzlich am Wochenende das Softwareproblem eines Kunden zu beheben. So fährt er am Samstag mit dem Zug nach Mürren, wo der Reeder Paul Bärlocher seinen Geschäften in einer auf den ersten Blick unscheinbaren Alphütte nachgeht. Der Reeder besitzt elf Schiffe, die zusammen mit ihrer Fracht einen Gesamtwert von einer Milliarde und sechshundertfünfzig Millionen darstellen und irgendwo auf der Welt unterwegs sind. Mit der Software von AGP ist es ihm möglich, die aktuelle Position jedes Schiffes auf mehreren Bildschirmen zu verfolgen: Das Programm berechnet für jede mögliche Route die Reisedauer und den Ölverbrauch und ist, durch den Anschluss an die internationale Cargo-Börse, ein rentables Tool für den Unternehmer.

Bereits bei seinem zweiten Besuch in Mürren findet Alfred schnell heraus, dass ein Hacker eine Subroutine in dem System des Reeders installiert hat, die nicht nur die Schiffskoordinaten, sondern auch alle verschlüsselten Daten an eine völlig fremde Adresse weitergibt. Er vermutet einen Zusammenhang mit den vermehrten Piratenüberfällen in der letzten Zeit, bei denen die Piraten erstaunlich gut über die Schiffe informiert waren. Nachdem er die „Wanze“ auf seinen Datenstick kopiert hat, ist es für ihn ein Leichtes die Subroutine einfach zu löschen. Da Alfred das Problem so schnell beheben konnte, lädt Paul Bärlocher ihn für den nächsten Tag zu einer Skiabfahrt vom Gipfel des Silberhorns ein.

Am nächsten Morgen werden sie mit einem Hubschrauber auf den Berg geflogen, wo sie über den Giesengletscher hinunter bis zum Fuß des Schwarzmönchs fahren wollen. Doch während der Abfahrt durch den Tiefschnee löst sich plötzlich mit einem dumpfen Knall eine Lawine, welche die beiden Männer ein Stück mitreißt und dann bedeckt. Paul Bärlocher wird dank seines Handys schnell gefunden. Doch Alfred, für den Funktelefone wie Fußfesseln des modernen Strafvollzugs sind, hat kein Handy dabei und wird erst nach über zwanzig Stunden geborgen. Im Kantonsspital werden ihm am linken Fuß die abgefrorenen Zehen und der rechte Fuß amputiert. Es kommt ihm in den Sinn, wie er in der Lawine sein ganzes Leben gesehen hat, und weil er die Chance bekommen hat ein neues Leben zu beginnen, beschließt er ab heute ein guter Mensch zu sein.

Es ist kein Zufall, dass der Protagonist in Werner Niederers Roman Die Blaumeise Hornist im Laienorchester der Züricher Musikfreunde ist. Doch dies wird erst zum Ende des Buches deutlich. Selbst wenn das Verhalten von Alfred Ostlicht nach seinem Unfall nicht nur seiner Frau, sondern auch dem Leser zunächst unbegreiflich erscheint, wird spätestens in den letzten Kapiteln des Romans klar, welche Früchte es getragen hat. Denn die Handlungen jedes Menschen haben Einfluss auf das Leben anderer und manchmal sogar mit ungeahnten Auswirkungen. Obwohl die Vermutung nahe liegt, dass der weitere Verlauf der Geschichte durch das Erlebnis des Protagonisten in der Lawine bestimmt wird, war es doch wohl eher die chinesische Fabel Die Blaumeise, die ihn zu einem guten Menschen gemacht hat. Zumindest lässt dies hoffen, dass mit Literatur noch etwas in der Welt bewegt werden kann.

Werner Niederer, Die Blaumeise, Grünkreuzverlag 2014, Leinen mit Schutzumschlag, 273 Seiten, ISBN 978-3-952389-76-8, Preis: 17,00 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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