
Ein junger Nomade und ein rätselhaftes Amulett
Mit siebzehn Jahren verlässt der in der Wüste geborene Nael seinen Stamm, um Traumdeuter aufzusuchen, die ihm seinen immer wiederkehrenden Traum erklären sollen. Als Diebe seine Trinkschläuche stehlen und ein Amulett mit einem schwarzen Skorpion zurücklassen, eilt ihm Cato, der Hofnarr des Sultans, zu Hilfe. Nachdem Nael dem Sultan vorgestellt wurde, setzt er seine Reise fort und trifft auf den Angreifer Dorian, der ebenfalls das ihm bekannte Amulett trägt. Dorians Bruderschaft verfolgt das Ziel, „die Welt so zu bewahren, wie sie heute ist“.
Begegnungen, Prüfungen und ein unvollendeter Traum
Auf seiner Reise begegnet Nael dem blinden Alvar, der ihn während eines Angriffs lehrt, Pfeile abzufeuern. Nael staunt über die Treffsicherheit des Blinden. Nach ihrem Abschied erreicht er den Tempel auf dem Berg und trifft dort auf vier Traumdeuter. In ihrem Tempel muss er drei Aufgaben lösen und erfährt schließlich, dass seinem Traum das Ende fehlt – ein Ende, das nur sein Herz kennt. Der Ruf des Falken, der Nael von Beginn an begleitet hat, soll ihm dieses Ende offenbaren.
Gefangen zwischen Meer, Menschenhändlern und Assassinen
Erneut heißt es Abschied nehmen: Naels Weg führt ihn ans Meer, nach Iberien. Für einhundert Silberlinge soll ihn Farouk über die Meerenge setzen, doch stattdessen sperrt dieser ihn gemeinsam mit anderen Menschen in einen Käfig. Von seinem neuen Freund Miguel, der im Gegensatz zu Nael die Wüste sehen möchte, erfährt er, dass sie auf einem Sklavenmarkt wie „Vieh verschachert“ werden sollen. Kurz darauf gerät Nael erneut in die Fänge der Assassinen-Bruderschaft, und der Stachel eines Skorpions dringt in seine Brust. Ist dies nun sein Ende?
Kleine Widersprüche – und die Freiheit des Romans
Kleine Widersprüche mag man Jonas Pöltl in seinem Roman Der Traum des Nomaden verzeihen: etwa wenn Nael behauptet, sofort eingeschlafen zu sein, dann jedoch die ganze Nacht gegrübelt habe. Auch dass sein Traum ihn erstmals im Alter von zwölf Jahren heimgesucht habe, obwohl zuvor von früher Kindheit die Rede war, lässt sich als unterschiedliche Begriffsauslegung deuten. Und ja – in einem Roman darf alles sein: Ein Blinder kann einen abgeschossenen Pfeil mit der Hand aufhalten, und ein Ungeübter kann auf Anhieb in einem See schwimmen.
Philosophische Botschaften in erzählerischem Gewand
Die Geschichte kann als philosophische Abhandlung gelesen werden. Der Autor bedient sich dabei jener dialogischen Vermittlungsform, die man aus Kindersendungen wie Löwenzahn kennt, in denen Peter Lustig Antworten auf das gab, was es zu erklären galt. Unterbrochen wird der Plot durch Geschichten, die der Protagonist selbst erlebt oder die ihm erzählt werden. Nael berichtet seine Reiseerlebnisse in der Ich-Form.
Zwischen Roman und Ratgeber – eine schwierige Balance
Die Botschaft, im Hier und Jetzt glücklich zu leben, hätte Jonas Pöltl vielleicht besser in einem Sachbuch entfaltet. In Romanform erreicht sie die gewünschte Zielgruppe nur bedingt, da trotz der Gefahren, denen Nael ausgesetzt ist, kaum Spannung entsteht. Die übermäßig ausschmückenden Betrachtungen und Beschreibungen können Leser ermüden – auch wenn betont werden muss, dass der Autor einen flüssigen und angenehmen Schreibstil besitzt.
Weisheiten, die tragen – und Grenzen, die bleiben
Unumstritten ist, dass die in den Text eingeflochtenen Geschichten – wie die Metapher der Kieselsteine und des Sands in einem Glas – weise Inhalte transportieren, die manch eine Ehe hätten retten können. Auch die Aussage „Richte niemals über andere Menschen, denn du bist keinen einzigen Schritt in ihren Schuhen gegangen“ verdient es, von mehr Menschen beherzigt zu werden. Ebenso ist bekannt, dass Kinder häufiger beim Klettern stürzen, wenn die Mutter Sorge hat, sie könnten es nicht schaffen. Positive Ermutigung führt weit eher zum Erfolg.
Lebensweisheiten und Realität
Mit hoher Wahrscheinlichkeit tragen auch die über dreißig Seiten umfassenden, am Ende der „Geschichte über die Bedeutung der eigenen Bestimmung“ gedruckten Lebensweisheiten und Ratschläge aus „Naels Notizbuch“ die Handschrift des Autors. Doch nicht jeder Mensch ist seines Glückes Schmied – das zeigen die vielen, deren Länder von Krieg erschüttert werden, oder jene, die Armut und Elend nicht entkommen können. Wer jedoch nicht schon nach wenigen Seiten enttäuscht aufgibt, findet im Text zumindest wertvolle und sinnvolle Anregungen. Und wer auf den Geschmack gekommen ist, darf sich mit Der Traum der Nomadin auf den Folgeband freuen.
Der Traum des Nomaden von Jonas Pöltl

Books on Demand 2024
Broschur
252 Seiten
ISBN 978-3-7597-3482-2