Sigmund Seiler hält in der Siegerlandklinik jeden Freitag eine Lesereihe für die Patienten ab, in der er ihnen aus einem Buch über seine eigene Leidensgeschichte vorliest: Ihn, den achtundfünfzigjährigen Sigmund Seiler plagen Schmerzen, die von seiner Bandscheibe ausgehen und ihn quält der Ischiasnerv, weswegen er zur Physiotherapie in die Rehaklinik kam. In seiner Freizeit rezitiert er literarische Texte, teilt er seinen Zuhörern mit und lebt seit der Scheidung von seiner Frau Margot mit seiner sechzehnjährigen Tochter Susi zusammen. Eines Tages vernimmt er an der Theke im Casino des Media Centers der Klinik eine Stimme einer gutaussehenden Dame, die eine Bestellung aufgibt. Von nun an ist er von dem Gedanken besessen, ihren Namen ausfindig zu machen und mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Mit diesem kurzen Abriss erschöpft sich das Handlungsgeschehen des Romans Der Liebesidiot von Hajo Steinert bereits. Doch das literarische Talent des Autors zeigt sich erst in seinen Ausführungen zu den Gedanken und Erinnerungen von Sigmund Seiler, der wiederum die Zuhörer in der Siegerlandklinik daran teilnehmen lässt. Er referiert ausführlich über seine Leidenschaft als Vorleser, die er mit der besonderen Betonung bis zum Perfektionismus betreibt, nachdem er von seinem Vater gelernt hat, schon auf kleinste Nuancen unterschiedlicher Geräusche zu achten. Unumwunden gibt er zu, schon als Kind den Müttern auf dem Spielplatz gerne zwischen die Beine geschaut zu haben, später während einer Klassenfahrt in Hamburg vergeblich auf einen „Blick in die heimlichste aller heimlichen Regionen“ gehofft und sich mit seinem Freund Uwe den Fantasien hingegeben zu haben, was es wohl in den Umkleidekabinen bei den Mädchen zu sehen gibt.

Sigmund Seiler schweift immer wieder von der eigentlichen Frage, der Entwicklung zu der Frau mit der Stimme ab und erzählt stattdessen von seinen Besuchen als Jugendlicher im Freibad oder einer Kirmes, seinen Idolen und seinem teils auch psychedelischen Musikgeschmack. Seinen Zuhörern verschweigt er nicht seine ersten sexuellen Erfahrungen, Besuche in der Peepshow und auch nicht, dass er im Internet Pornoseiten der Russin Anastasia Fuckmenow besucht. Doch damit will er Schluss machen, wenn er nur endlich mit seiner Angebeteten in Kontakt kommen könnte, die er wegen ihrer Schönheit mit Simonetta Cattaneo Vespucci vergleicht, die im 14. Jahrhundert als die schönste Frau von Florenz galt, wie Der Liebesidiot sie auch in seinen verliebten Gedanken nennt.

Hajo Steinert hat mit seinem Protagonisten Sigmund Seiler eine Figur geschaffen, die alles bis zum Perfektionismus treibt und eine Beobachtungsgabe hat, der keine noch so geringfügige Bewegung entgeht. In einer äußerst gewählten Sprache versteht es der Autor, den Leser trotz der ausschweifenden Erzählungen nicht zu langweilen, denn eine den Plot belebende Unterhaltung in Form einer wörtlichen Rede kommt erstmals nach über zweihundert Seiten zum Zuge. Dem anspruchsvollen Roman mangelt es nicht an erotischen Passagen und wegen der Rückblicke von Sigmund Seiler in seine Jugend, die sich auf die Zeit zum Ende der 1960er Jahre beziehen, kann man ihn auch als eine Zeitreise bezeichnen, die durch die Erwähnung passender Musiktitel ergänzt wird. Gerade Lesern dieser Generation verlangen deshalb die Erinnerungen an ihre eigene Jugend ein Schmunzeln ab.

Hajo Steinert, Der Liebesidiot, Knaus Verlag 2015, Hardcover mit Schutzumschlag, 288 Seiten, ISBN 978-3-8135-0429-3, Preis: 19,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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