Ergreift ein Unschuldiger die Flucht, wird ihm genau das zur Last gelegt. Denn wäre er unschuldig, so die Behauptung, hätte er keinen Grund zur Flucht gehabt. Ähnlich argumentieren wir, wenn uns jemand etwas verschweigt. Gerade Das Verschwiegene gibt Anlass zu Spekulationen, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und ein Urteil ist gesprochen. Um diese Thematik geht es auch in dem Roman von Linn Ullmann.

Siri lebt mit ihrem Mann Jon und den beiden Kindern Alma und Liv in Oslo. Beruflich ist sie als Betreiberin zweier Restaurants sehr eingespannt, während Jon an dem letzten Band einer Trilogie arbeitet. Da der Roman schon längst überfällig ist, kann er zum Lebensunterhalt nichts mehr beitragen und die Familie muss einen hohen Kredit aufnehmen.
Den Sommer verbringen sie in einer norwegischen Küstenstadt bei Siris Mutter Jenny Brodal, die mit Irma in einer Holzvilla lebt. Da Jon sich auf seine Arbeit konzentrieren muss, engagieren sie für den erst fünfjährigen Liv die neunzehnjährige Mille als Kindermädchen. Für den fünfundsiebzigsten Geburtstag ihrer Mutter Jenny plant Siri eine Feier mit Biertischen im Garten und Lampions an den Bäumen. Von Anfang an hatte sich Jenny erfolglos gegen eine Feier gewehrt. Mit ihrer zwölfjährigen Enkelin Alma unternimmt sie nach der Party im alkoholisierten Zustand eine Autofahrt. Jon hat sich ebenfalls abgesetzt, weil er eine Auszeit braucht und auch Mille will noch ausgehen. Nach diesem Abend ist sie jedoch spurlos verschwunden. Erst zwei Jahre später wird sie von Simen und seinen Freunden Gunnar und Ole Kristian tot aufgefunden, als sie nach einer vergrabenen Schatzkiste suchen. Wegen Mordes wird jemand verhaftet.

Auch wenn der Inhalt des Romans Das Verschwiegene eine Tote aufzuweisen hat, so handelt es sich dennoch nicht um einen Krimi. Im Fokus steht daher auch nicht die Auflösung eines Falles. Vielmehr beleuchtet die Autorin verschiedene Facetten in den Beziehungen und den Erinnerungen der handelnden Personen, die zunächst mit der Aufnahme des Kindermädchens Mille im Haushalt und später durch ihr Verschwinden entstehen. Der Leser wird sich auf den ersten Seiten fragen, wohin ihn die Story überhaupt führt, denn Linn Ullmann erzählt den Roman nicht in chronologischer Reihenfolge. So stellt sich der Leser lange Zeit keine Fragen über den weiteren Verlauf und es mag manchem schwer fallen, sich auf den nicht gewöhnlichen Schreibstil einzulassen. Doch allmählich gerät der Leser immer mehr in einen Sog und das Buch zieht ihn in seinen Bann. So fügt er Teil für Teil der Familiengeschichte zusammen, wobei es um Kindheitsängste, verletzte Gefühle, Bedürfnis nach Anlehnung, Täuschung und Schwindel geht. Linn Ullmann schreibt Das Verschwiegene in einem unverwechselbaren Schreibstil mit vielen Klammerzeichen, die sie als stilistisches Mittel für nähere Erläuterungen einsetzt. Der Roman zeigt, dass die Autorin sehr genau die Schwächen der Menschen beobachtet hat und auch, wie diese sich im Alltag äußern. Eine interessante psychologische Studie!

Linn Ullmann, Das Verschwiegene, Luchterhand Verlag 2013, Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten, ISBN 978-3-630-87409-8, Preis: 19,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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