Täter sind immer auch Opfer. Aber erst, wenn es zu spät ist, wird nach den Hintergründen und Ursachen gefragt. Martin Schäuble zeichnet in dem Buch Black Box Dschihad biographisch die Umstände auf, die zwei junge Männer zu islamistischen Terroristen machte.

Daniel kommt 1985 in einer deutschen Kleinstadt zur Welt und ist elf Jahre alt, als sein Vater von zu Hause auszieht. Er schließt sich der Hip-Hop-Szene an und legt bei teuren Einkäufen Wert auf Markenkleidung. Anstelle eines Romans liest der ehrgeizige Schüler lieber das Grundgesetz, denn sein Ziel ist ein Jurastudium. Ihn erschüttert der Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 2001 und sechs Jahre später fragt er nach den Ursachen. Der Einmarsch amerikanischer Truppen in den Irak löst bei Daniel eine kritische Haltung gegenüber der gesamten westlichen Welt aus und mit achtzehn Jahren bricht er die Schule ab. Nachdem ihn sein Weg als Aussteiger nach Brasilien führt, endet sein Regenwald-Abenteuer in einem Albtraum. Nidal, der ihn dazu überredete und bisher Einfluss auf ihn hatte, enttäuscht Daniel. Fortan wendet er sich Hussein zu, konvertiert zum Islam, lernt arabisch und über Ägypten landet er schließlich in einem Trainingslager in Pakistan, wo er für einen Anschlag ausgebildet wird.

Ganz anders verläuft das Leben von Sa’ed, der im selben Jahr wie Daniel in Nablus, einer arabischen Großstadt im Westjordanland geboren wird. Mit weiteren acht Geschwistern lebt er in ärmlichen Verhältnissen und wird schon mit zwei Jahren Zeuge der 1. Intifada, als israelische Soldaten mit Waffen auf Palästinenser treffen, die sich mit Steinen zur Wehr setzen. Früh bricht er die Schule ab und unterstützt die Eltern wie viele andere auch durch Kinderarbeit. Yassir Arafat ist sein Idol und seine toten Freunde werden als Märtyrer verehrt. Sa’ed ist fünfzehn, als Bomben vor seinem Haus explodieren und er muss sich immer noch mit sechs Geschwistern ein Zimmer teilen. Die Moschee ist an seinem einzigen freien Tag der Woche oft für ihn der einzige Rückzugsort. Sein Interesse an einer Freundin hat er längst verloren, denn einen Brautpreis wird er nie zahlen können. Auch seinen Freund Rami sieht er kaum noch, flüchtet sich in Gebete und bereitet seinen Abschied von dieser Welt vor.

Martin Schäuble berichtet in Black Box Dschihad im Wechsel von den beiden Jungen und hat dazu ehemalige Freunde, Erzieher, Mitschüler und Familienmitglieder befragt. Das Ergebnis ist eine Milieustudie zweier konträrer Lebensläufe und der Leser erhält fundierte Nachhilfe in der Nahostpolitik. Mit diesem Buch hat der Autor ein Zeitporträt der 1. und 2. Intifada geschaffen und gleichzeitig eins der hierzulande agierenden Hip-Hop-Szene. Darüber hinaus macht er an Übersetzungen deutlich, dass der Koran eine Auslegungssache ist. Den Leser erwartet ein gefühlsmäßig sehr bewegendes und nachdenklich stimmendes Buch und es fällt schwer, den Täter nicht auch als Opfer zu sehen. Für Interessierte hat Martin Schäuble eine Auswahl an Büchern zum Thema im Anhang zusammengestellt.

Martin Schäuble, Black Box Dschihad, Deutscher Taschenbuch Verlag 2013, Broschur, 224 Seiten, ISBN 978-3-423-62539-5, Preis: 9,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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