Seine nachhaltigsten Erinnerungen an eine facettenreiche Fernsehzeit beim Südfunk hat Manfred Naegele in seinem Buch Bildschirmverstörung festgehalten und erzählt von einer Zeit, als Einschaltquoten noch kein Maßstab waren.

Eigentlich wollte Naegele Jurist werden und landete, ohne jegliche Ausbildung oder journalistische Erfahrung, durch einen Zufall als freier Mitarbeiter beim Fernsehen. Ein Studienfreund, der sich als Kabelträger beim Südfunk ein paar Mark dazu verdiente, hatte das Team der Abendschau zu einer Grillparty eingeladen. Nach einem feuchtfröhlichen Abend wurde Naegele von Ulrich Kienzle, dem Leiter der Abendschau, zu einem Besuch in der Redaktion eingeladen, wenn er mal nach Stuttgart käme. Daran erinnerte er sich, als er einen Termin in der Landeshauptstadt hatte und fuhr zum Fernsehstudio des Südfunks, wo er eine der täglichen Programmsitzungen verfolgen konnte. Als ihn der Redaktionsleiter fragte, ob er nicht Lust hätte, auch mal einen Film für die Abendschau zu machen, drehte er als blutiger Anfänger mit einem Kamerateam seinen ersten kleinen Fernsehbeitrag.

In einer wöchentlichen Anti-Hitparade führte Naegele kitschige und besonders verlogene Schlager ad absurdum, wodurch es wüste Proteste, aber auch begeisterte Zustimmung gab. Als ehemaliger 68er mit juristischem Staatsexamen berichtete er von den Verhandlungstagen im Baader-Meinhof-Prozess, von der Documenta in Kassel, der Internationalen Funkausstellung und der Berlinale. Zu seinem 30. Geburtstag förderte er den Appetit seiner Gäste mit einer Haschisch-Torte und mit einem Filmauftrag über Friedrich Dürrenmatt sorgte er für eine Sensation in der Literaturszene. Denn die mit dem Fernsehporträt beauftragte Filmemacherin Charlotte Kerr heiratete kurz darauf den Schriftsteller. Er führte Gespräche mit interessanten Persönlichkeiten, wie dem Schauspieler Mario Adorf, der Edelhure Domenica oder dem legendären Zigarrenkönig Zino Davidoff und wurde letzendlich zum verantwortlichen Leiter des Programmbereichs „Kunst und Gesellschaft“.

Ein Kapitel Fernsehgeschichte ist Manfred Naegeles Buch Bildschirmverstörung. Humorvoll und informativ erzählt er von zeitgeschichtlichen Ereignissen und Begegnungen mit mehr oder weniger prominenten Persönlichkeiten. Naegele versteht es, mit seinem lockeren Schreibstil und zahlreichen Anekdoten vor und hinter der Kamera, den Leser bestens zu unterhalten und ihm zuweilen das ein oder andere Schmunzeln abzugewinnen. Bildschirmverstörung von Manfred Naegele ist Lesegenuss pur – einfach klasse!

Manfred Naegele, Bildschirmverstörung, Klöpfer & Meyer Verlag 2011, Hardcover mit Schutzumschlag, 222 Seiten, ISBN 978-3-86351-008-4, Preis: 18,90 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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