Der dreizehnjährige Joshua hat vor fünf Jahren seinen Vater durch einen Heckenschützen verloren. Ein Jahr später zog er mit seiner Mutter und seinem verhassten Stiefvater nach Amarias, eine durch eine Mauer geteilte Stadt. Joshua wohnt Auf der richtigen Seite, wo sich die Bewohner durch eine hohe Mauer und Stacheldraht vor den Feinden auf der anderen Seite schützen. Es gibt nur einen Durchgang, den von Soldaten bewachten Checkpoint. Um jedoch nach Amarias zu gelangen, benötigt man einen Passierschein.

Eines Tages landet der Lederfußball von Joshua auf einer Baustelle, auf der merkwürdigerweise nie gearbeitet wird. Um seinen Ball wieder zu bekommen, klettert der Junge über den Zaun und bestaunt dort ein zerstörtes Haus. Von seiner Neugier getrieben entdeckt er unter einem Metalldeckel ein tiefes Loch, das sich als Eingang zu einem unterirdischen Tunnel entpuppt. Joshua ahnt, dass der Tunnel auf die andere, verbotene Seite führt und beschließt trotz seiner Angst, in den Tunnel zu kriechen. Am anderen Ende sieht er sich einer anderen Welt gegenüber. Plötzlich wird er von einer Gruppe älterer Jungen verfolgt, die nach seinem Leben trachten. Zum Glück kommt ihm Leila zu Hilfe, doch ahnt Joshua nicht, wie sehr er damit ihre Familie in Gefahr bringt. Um sich zu revanchieren und sein Gewissen zu erleichtern, kümmert er sich von nun an um einen Olivenhain von Leilas Familie, aber sein Leben hat sich für immer verändert und den unbeschwerten Jungen gibt es nicht mehr.

William Sutcliffe lässt seinen Protagonisten Joshua in dem Jugendroman Auf der richtigen Seite in der Ich-Form erzählen, wodurch es dem Leser leicht fällt, sich mit der Figur zu identifizieren. Durch den eindringlichen Erzählstil des Autors hat er eine Vorstellung von dem terrassenförmig angelegten Olivenhain und empfindet die gefahrvollen Momente von Joshua sehr realitätsnah. Beinahe kann der Leser die laute Stimme des Stiefvaters hören, die durch Kapitälchen hervorgehoben wird und er leidet mit dem Jungen, der eigentlich immer nur helfen will und nicht einmal mehr seiner Mutter vertrauen kann.

Mehr, als dass Joshua von einer heißen und trockenen Wüstenluft spricht, weiß der Leser nicht über die geographische Lage der fiktiven Stadt Amarias. Das Vorhandensein von Handy und Drohne lässt Rückschlüsse auf die Zeit zu. Der Autor macht in dem Roman deutlich, dass in einer Bevölkerung ein Feindbild immer erst geschürt wird und durch Misstrauen neue Nahrung erhält. Joshua sieht sich damit konfrontiert, was es bedeutet, wenn jemand vom Land seiner Väter spricht und plötzlich ein anderer dieses Land konfisziert, weil seine Urväter es vor noch längerer Zeit besessen haben sollen. Der spannende und fesselnde Jugendroman vor dem aktuellen Nahostkonflikt zeigt eindrucksvoll auf, dass die mutmaßlichen Feinde auch hilfsbereit sein können und wie sich Prioritäten verschieben. Wer sich schon ab zwölf Jahre an dieses anspruchsvolle Buch traut, sollte schon eine gewisse Reife mitbringen.

William Sutcliffe, Auf der richtigen Seite, Rowohlt Verlag 2014, Hardcover mit Schutzumschlag, 349 Seiten, ISBN 978-3-499-21231-4, Preis: 16,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

1 Kommentar

  1. Kleine Info am Rande: Israel hat im Jahr 2003 eine Sperranlage zum Schutz seines Staatsgebietes errichtet, um seine Bürger vor Terroristen zu schützen und wer von Ramallah nach Israel will, muss den Kalandia-Checkpoint passieren.

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