Die Biographie von Adolfo Kaminskys „Fälscherkarriere“ beginnt in den Aufzeichnungen von Sarah Kaminsky im Januar 1944 in Paris. Der erst 18-jährige Adolfo Kaminsky will eine Welt der Gerechtigkeit und Freiheit aufbauen. Als junger Mann, selbst Jude, sieht er ganze Autobusse mit Deportierten, die in den Tod geschickt werden und entschließt sich, der Résistance beizutreten. Er hat mit den allabendlichen Sperrstunden zu kämpfen und muss sich möglichst unsichtbar machen. Als Maler getarnt, fälscht er Ausweise und andere Dokumente, um so unzähligen Juden das Leben zu retten. Dabei sind ihm seine Kenntnisse aus der Praxis als Färber sehr nützlich und auch seine frühere Begeisterung für die Chemie. Er erledigt alle Aufträge immer ohne Bezahlung, um unabhängig zu bleiben, was ihm heilig ist. Immer wieder unternimmt er neue Versuche, die auch manchmal von Rückschlägen begleitet sind. Er knüpft viele Kontakte zu Widerstandsgruppen und achtet darauf, dass nur die Wenigsten seine Laboradresse kennen. Bis zum Umfallen arbeitet er, denn wenn er nur eine Stunde schläft, bedeutet das 30 Dokumente weniger, 30 Tote mehr!

1943 wird Adolfo Kaminsky mit seiner Familie verhaftet und sie haben ihre Freilassung nur dem Umstand zu verdanken, dass sie Argentinier sind und einen Brief an den argentinischen Konsul geschrieben haben. Nach drei Monaten Lager ist Adolfo wieder auf freiem Fuß. Ein Kontaktmann fragt ihn nach seinen Kenntnissen über Fotogravur- und Lichtdrucklabore und obwohl er keine Ahnung davon hat, sagt er einfach zu. Schnell lernt er von einem Fotograveur das Nötigste und wiederum arbeitet er bis zur Erschöpfung. Schlaflose Nächte und Unterernährung lassen ihn oft ohnmächtig werden. Das Misstrauen jedem gegenüber nimmt zu und ebenso die Angst vor Verfolgungen. Viele seiner Freunde werden durch angebliche Agenten in die Falle gelockt, es kommt zu Verhaftungen und Folterungen. Im Sommer 1945 wird Adolfo staatlicher Fälscher unter Francois Miterrand und setzt sich für die KZ-Überlebenden in den Flüchtlingslagern ein, die nach Palästina auswandern wollen.

Der mittlerweile 23-Jährige schlägt sich 1948 als Fotograf durchs Leben, nachdem alle seine Freunde nach Israel ausgewandert sind. Die Folterungen und Ermordungen in Algerien nehmen immer mehr zu und obwohl Adolfo Kaminsky 1958 eigentlich seiner Freundin nach Amerika folgen wollte, entscheidet er sich doch für die Algerier und gegen seine Liebe. Er fertigt 1961 für Frauen aus einem französischen Gefängnis die Pässe und fälscht auch Schweizer Pässe, ohne ein Muster davon in der Hand gehabt zu haben. Im Juni 1961 muss er nach Belgien in den Untergrund fliehen, das zur damaligen Zeit die Drehscheibe für Flüchtlinge war. Nachdem er dort endlich die Lösung zur Herstellung von Falschgeld gefunden hat, wird am 18. März1962 die Unabhängigkeit Algeriens ausgerufen und was macht Adolfo mit den vielen gedruckten Geldscheinen? Er verbrennt sie! Doch seine unermüdliche Hilfsbereitschaft nimmt kein Ende und er steckt nunmehr seine Arbeit in den Dienst der Franco-Gegner. Er hilft den Revolutionären Lateinamerikas und ebenso den Inhaftierten des Prager Frühlings. Das Ende seines Fälscherlebens läutet ein Ereignis ein, dass ihn stutzig macht und ihm vor Augen führt, in welcher Gefahr er sich befindet. So fliegt er 1971 nach Algerien und beginnt ein neues Leben.

Mit der vorliegenden Biographie hat Sarah Kaminsky, eine Tochter von Adolfo Kaminsky, ein Stück Zeitgeschichte geschrieben. Es hat sie zwei Jahre Nachforschungen gekostet und sie hat dazu 20 Interviews geführt. Sie lässt ihren Vater minutiös schildern, wie beispielsweise geheime Treffen oder eine Übergabe wichtiger Dokumente stattfanden. Das Buch liest sich wie ein Krimi, äußerst spannend. Doch ist es leider traurige Realität gewesen, was den Leser dadurch umso mehr berührt und teilweise auch erschüttert. Die Intention der Autorin ist: „damit er nicht mit seinen Geheimnissen, mit seiner Geschichte verschwand, damit die Rätsel seines Lebens nicht ungelöst blieben“. Dem Gedanken kann man sich nur anschließen und hoffen, dass Adolfo Kaminsky – Ein Fälscherleben von Sarah Kaminsky viele interessierte Leser findet und der Teil unserer Geschichte nicht in Vergessenheit gerät!

Sarah Kaminsky, Adolfo Kaminsky – Ein Fälscherleben, Kunstmann Verlag 2011, Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-88897-731-2, Preis: 19,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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