Zwei Wochen im Juni von Anne Müller

Zwei Wochen im JuniNach dem Tod der Mutter fassen Ada und Toni auf der Beerdigung den Entschluss, gemeinsam „Zwei Wochen im Juni“ im Elternhaus an der Ostseeküste zu verbringen. Schon auf der Fahrt nach Gragaard blickt die Künstlerin Ada auf vergangene Zeiten zurück und erinnert sich an Spiele mit ihrer Schwester. Bei ihrer Ankunft stellt die mittlerweile dreiundvierzigjährige Ada enttäuscht fest, dass keine Lebensmittel mehr im Hause sind, jetzt, wo die Mutter nicht mehr lebt und sich darum kümmern konnte. Ihre Stimmung wird nicht besser, als sie einen Anruf ihrer Schwester erhält, die erst am nächsten Morgen kommen kann. Nachdem Toni endlich angekommen ist, geht es für die beiden Frauen ans Aussortieren der Hinterlassenschaften, zumal sie das Haus verkaufen wollen. Doch dass Toni die meisten Dinge für sich reklamiert, weil entweder sie selbst, ihr Ehemann Carsten oder eines ihrer Kinder, Tom und Julia, die Teile gebrauchen können, verärgert Ada. Mehr noch: Die Kommentare ihrer Schwester verletzen sie zutiefst.

Als der Makler Dirk Meier mit den ersten Interessenten zur Besichtigung des Hauses kommt, hat Ada bei dem Gedanken, dass diese alles komplett renovieren wollen, ein ungutes Gefühl. Immer wieder wird sie durch Gegenstände an frühere Zeiten erinnert, als die Familie noch glücklich in dem Haus lebte, wie sich später der Vater von ihnen trennte und sich eine jüngere Frau nahm. Aber was ist in all den Jahren aus ihr geworden? Arthur muss sie heimlich treffen, weil er verheiratet ist und sich wegen der Kinder nicht von seiner Ehefrau trennen will. Ist es das, was sie will? Reicht ihr das um glücklich zu sein? Ada stellt die Beziehung zunehmend infrage und beneidet ihre um drei Jahre ältere Schwester, die als Studienrätin von einem liebenden Ehemann versorgt wird. Doch je näher sich die beiden Frauen in vertrauten Gesprächen kommen, bröckelt auch diese Fassade einer glücklichen und harmonischen Ehe.

Mit scheinbar belanglosen und alltäglichen Dingen führt Anne Müller den Leser immer tiefer in das Seelenleben ihrer Protagonistin. Zu Beginn des Plots steht er zur Versinnbildlichung noch abwartend ganz außen an einer Spirale, fühlt sich zunehmend von Adas Gedanken und dem Geschehen vereinnahmt und lässt sich schließlich einem Sog gleich immer tiefer hineinziehen, weil er der eindringlichen Erzählkunst der Autorin und damit dem weiteren Handlungsgeschehen unbedingt folgen muss. Wie ein roter Faden ziehen sich Rückblicke in vergangene Tage, die in kursiver Schrift erzählt werden.

Anne Müller macht in ihrem Roman am Beispiel von Tonis Tochter Julia deutlich, dass Eltern nur zu gerne glauben wollen, ihre Kinder würden von gewissen Ereignissen nichts mitbekommen. Denn erst bei ihrem Besuch im Haus wird das in einer Unterredung mit ihrer Tante Ada deutlich. Überraschend ist sowohl für Ada wie für Toni, dass die Enkelin der Verstorbenen Dinge über diese weiß, von der selbst sie als ihre Töchter nichts wussten. Erst, als sie auf einen Abschiedsbrief ihrer Mutter stoßen, werden ihnen die Augen geöffnet. Zwangsweise haben sich beide gedanklich mit ihrem Leben auseinandergesetzt und für jede von ihnen wird der Tod der Mutter und ihre Begegnung in den „Zwei Wochen im Juni“ eine Veränderung nach sich ziehen. Ein aufrührender und einfühlsamer Roman für Frauen mit der Botschaft, dass es nie zu spät für eine Kehrtwende und einen neuen Aufbruch ist.

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Zwei Wochen im Juni von Anne Müller

Zwei Wochen im Juni
Penguin Verlag 2020
Hardcover mit Schutzumschlag
240 Seiten
ISBN 978-3-328-60109-8

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Bildquelle: Penguin Verlag


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