Aufgrund einer gegen sie gerichteten Intrige wird Dr. Samantha Goodwin, die alle nur Sam nennen, die Weiterarbeit an einem Projekt in Syrien vom Leiter des archäologischen Instituts in Oxford untersagt. Doch ihre Enttäuschung weicht schnell der Freude über einen neuen Auftrag in Wales, wo ihre Großmutter Gwen Morris zu Hause ist. Ein Sturm über dem Meer hat dort einen vor 5000 Jahren existierenden, nunmehr versteinerten Wald freigelegt, wo die Reste einer Burganlage vermutet werden, die einer Legende zufolge auf ein versunkenes Königreich hindeuten.

Gwen, die auch nach Jahren noch darunter leidet, dass ihr geliebter Mann Arthur seit einer stürmischen Nacht auf See als verschollen gilt und sein Schicksal somit im Ungewissen bleibt, freut sich über den Besuch ihrer Enkelin Sam in ihrem Cottage. Sam trifft ihre alte Freundin Millie aus Kindheitstagen wieder und lernt Luke, einen Witwer und seinen Sohn Max kennen. Als der Junge bei Ebbe einen bedeutenden Fund macht, führt er Sam ebenfalls dorthin. Doch anstelle eines Schatzes findet sie eine Leiche und hat schon beim Freilegen des Körpers eine fürchterliche Vorahnung. Während ihre Kollegen Leon, Amy und Lizzie Davis von der Royal Commission weiter nach Beweisen für das untergegangene Reich suchen, kümmert sich Sam in erster Linie um ihre Großmutter und die Umstände, die zum Verschwinden ihres Mannes geführt haben könnten. Doch dabei gerät Sam zunehmend in Gefahr.

Eine vorangestellte Landkarte der Cardigan Bucht in Wales mit der vermerkten Grabungsstelle vermittelt von Anfang an den Eindruck, dass es sich bei dem Roman Sturm über dem Meer um eine authentische Geschichte handelt, zumal Constanze Wilken der Strand von Borth in der Cardigan Bucht mit all seinen Gefahren und Strömungen aus eigener Erfahrung nur zu vertraut ist. Sie selbst ist Zeuge der nach einem Sturm vom Meer freigegebenen Baumstümpfe gewesen, die tatsächlich bei den Menschen vor Ort zu allerlei Spekulationen geführt haben und aktuell noch untersucht werden. Ebenfalls beruhen die militärischen Versuche in der Bucht auf Tatsachen.

Constanze Wilken erzählt in ihrem Roman im Grunde zwei Geschichten im Wechsel: Die eine handelt von der Archäologin Sam und ihren Recherchen, die andere beschreibt das armselige und gefahrvolle Leben der Fischer zur Jugendzeit ihrer Großmutter Gwen in den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren ab 1949. In dem Zusammenhang macht die Autorin auch am Beispiel von Gwens Bruders Theo deutlich, wie sehr traumatisierte Kriegsheimkehrer von Alpträumen verfolgt wurden, was sogar Konsequenzen für ihre Familie haben konnte. Einige Passagen lassen die römische Geschichte aufleben, andere erzählen von der Gefahr durch Islamisten, die den Archäologen die Arbeit erschweren. Mystisch muten dagegen Stellen an, in denen sowohl die Großmutter, als auch ihre Enkelin die Glocken hören, wenn sich das Meer einen weiteren Menschen “holt“.

Wenn auch eine Vielzahl an Zufällen in dem Roman Pate gestanden haben, einige Klischees bedient werden und zumindest eine Liebschaft ein vorhersehbares Ende findet, so kann sich der Leser dennoch nicht dem Bann entziehen, den der Roman unweigerlich auf ihn ausübt. Der flüssige Schreibstil von Constanze Wilken überzeugt wie ihre bildhafte Sprache. Die beiden Erzählstränge sorgen für Abwechslung und münden jeweils in einem zunehmend spannungsgeladenen Finale, wobei es die Autorin auch mit emotionalen und zutiefst rührseligen Einlagen versteht, auf die Tränendrüse des Lesers zu drücken.

Constanze Wilken, Sturm über dem Meer, Goldmann Verlag 2015, Taschenbuch, 480 Seiten, ISBN 978-3-442-48349-5, Preis: 9,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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